Christian Röse

Schere

Gedichte

ISBN 978-3-939511-02-1
Buch mit Audio CD (Autorenlesung)
84 Seiten, Laufzeit der CD
23:36 Min / 18,50 €

»Metamorphosen, Verwandlungen sind ein durchgehendes Motiv in den Gedichten dieses ersten Bandes des Lyrikers Röse. Der Leser wird hineingezogen in traumhafte biologische Gestaltwandel. Die musikalische Sprache besticht durch Klarheit und Eleganz.« (Ralf Thenior)

Auszüge aus der Autorenlesung

AUGE UM ZAHN UM


X (Mit Angela Sanmann)

 

Rezension

Lesen Sie hier "Kryptographiken: Kritische Gedanken zu Christian Röses Gedichtband Schere" von Dominik Irtenkauf.

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Die Kritik von Dominik Irtenkauf als pdf

  Gedichte

FRAGEN CLARA SCHUMANN

sind es die Rädchen in den Fingergliedern
die Saiten die sich nah der Elle ziehn
sag Robert rasch wo reichen diese Stränge hin

ist alles Tasten mir nicht hart geworden
wenn ich den Tee beende wird es kalt darin

sind all die Kinder nicht wie selten still
wie deine Mutter glaubst du denn mein Vater
hat uns nicht alle endlos aufgezogen


KANADA 1977 (Rabid)

am dreißigsten Tage
entstaubten die Armknospen
sprossen entsprossen
der Fliehburg entbunden bis

ist eine Rose ist ein Dorn
und Durst; der Mann darin
darin der Junge
spielt der Körper spricht
äußerst undeutlich spricht er
vom Sehnen


 
 

X

I.

Julia,

Singvögel zerren
dir an der Sonde
der Syrinx

sind Tag und Nacht einsilbig schon
hörst du noch

      es wird mir gesagt
      dass meine Organe


schrumpfen

unter Planeten
erhebt dich die Waagschale
deine Organe
weisen weit über dich hinaus

ein Herz ein Uterus für jede Einzelne
die du nicht bist
die nicht auch du bist
im System
dass gut kaut schluckt verdaut

in Kreisen
orbital
um Sphärenlärm

Julia,
schwebst du nicht
füllig die Knochen noch erdigen dich
Sprühregen letzter Lipide


II.

      es wird mir gesagt
      meine Leber

verkümmert

wächst niemals mehr nach
wie das Schnabelhorn wächst unentwegt
biegt sich und kreist um

umkreist dich ein Hunger
allein
kreist er dich nicht ein

keine Kette hält deine Gefäße
nur Pharmakon zerrt
weiter erdwärts

wärmt Urflaum dich nicht, Säuger
Joule,
aus der Eiszeit

im Kernschatten frierst du: zwischen
deinen Herz-
die Flügelschläge

warmblütig fächert schwärmt sonnt
Pyrotechnik
heult aufwärts auf
federleicht strahlenden Wegs

das allfeiertägliche Schwinden
das höchste und höher getragen
im Mundstück im Schnabel am Haken

das ist nicht ein
Singvogel


III.

Julia,
schwindet der Mond dir
der dunkle

      es wird mir gesagt
      lang bin ich nicht

besiegt

Mond sagt dir nichts
nicht der Herr dein Arzt

Werksarzt liebt
Altrosa junger Organe

verspricht
spricht mit deinen mit

deinem
Arzt liebt alle Namen

Julia?
nimm ihn nicht ab
   
Christian Röse (Foto von Julia Holtkötter)

Christian Röse, geboren 1980 in Neheim, Nordrhein- Westfalen, wohnt und arbeitet in Berlin; Studium der Psychologie. Literaturförderpreis der Stadt Dortmund 2002
Der Gedichtband »Schere« ist seine erste Einzelveröffentlichung.

Vorwort von Alexander Nitzberg

Gefragt nach seinen Interessen, nannte Christian Röse einmal die Kryptozoologie. Und kommentierte, dies sei eine von den Akademikern nicht akzeptierte Disziplin, die sich mit der Suche nach ausgestorbenen mythischen Tierarten beschäftigt. Dabei verschwieg er, daß die Lektüre seiner Gedichte den anderen Zweig derselben Wissenschaft bildet. Spätestens unter dem Mikroskop erweisen sie sich als obskure Hybriden, teils fossil, teils noch vegetierend, teils bereits dem Prozeß der Fermentation ausgesetzt. Selbstverständlich haben solche Zellverbindungen nicht immer die Schönheit eines Goldfisches oder eines Wellensittichs. Und doch sind sie nicht minder lebensfähig. Und auch wenn nicht jeder ihnen in seiner Wohnung ein Mikroklima einrichten will, die Poesie beherbergt sie dennoch in ihrem Reservat. Denn es sind beachtenswerte Exemplare dichterischer Sezier- und Transplantationskunst. Und es wäre zu wünschen, daß sie der eine oder andere Forscher der zeitgenössischen Lyrik bei seinen Ausgrabungen entdeckt und ihnen einen guten Nährboden bietet.

Düsseldorf, März 2006


  1. Christian Röse - Schere

    Christian Röse - Schere

    Christian Röse, geboren 1980 in Neheim, Nordrhein- Westfalen, wohnt und arbeitet in Berlin; Studium der Psychologie. Literaturförderpreis der Stadt Dortmund 2002
    Der Gedichtband »Schere« ist seine erste Einzelveröffentlichung.

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