mentocome
II "Nichts geht verloren"Inwiefern ist ein Name, eine Narbe, eine Adresse notwendig, eine Einschreibung um ein Ereignis zu ankern? Löst es sich auf, wenn es unverbunden bleibt? Die Nabelschnur... gegen Brandung und Irrfahrt, sagt Demokrit. Gewisse vorsokratische Vorstellungen von Sphärenmusik, von einer Gegebenheit oder Vorgängigkeit von Musik waren damals wichtig, der Utopos eines von Absichten bereinigten Klangs. Setzungen und Zufälle und Cage'sche Techniken brachten Inspirationen. Aber: Der Traum von der größeren Ordnung, der anderswelthaltigen Objektivität - erzeugt er nur weitere subjektivistische Ungeheuer? Das Melos hatte sich zunehmend aufgelöst zugunsten von Abstraktionen, in denen Gestaltung eher nur als deren "Dekonstruktion" vorkam und die Pause die wesentliche Ordnungseinheit zwischen geräuschhaften Einsprengseln, "strukturellen Vakuumsfluktuationen" war. (Der Leukipp'sche Atomismus. Später gedacht: Wenn alles in der Welt aus Atomen besteht, das Atomgebilde aber, nach seinem Modell eines Kerns und seiner Orbitanten, selber wesentlich leer ist, nahezu unendlich leer - ein beliebiges Atom wäre im Maßstab bereits nahezu unendlich viel größer als unser Sonnensystem: und es wäre also nahezu vollständig leer - wo, wie, als was sich selber in diesem leeren, nahezu entropischen Raum finden? Gibt es also ein eingebautes, eingeborenes... systemisches Moment hin zur Verbindung, zum Zusammenklang, zur Nabelschnur?) Wenn Stille immer nur annäherungsweise überhaupt möglich ist, sie aber die wesentliche Referenz sein muss vor allem tonal noch Ungebildeten, gibt es eine gewisse Verdünnung an Sinn auch in dem, was man mit seinen Resttönen umkreist. Abstraktion, die Organisation von in der Tendenz immer selteneren Vorkommen - das war der eine Pol. Strenge Auswahl. Heikle Hybridbildungen. Das andere waren so genannten "Hör-Bilder", darin die Erfahrung und Phantasie sich wieder von der Idee des Nicht-Verbundenen emanzipieren konnte und konkreter werden, benennbar sein durfte, mit-teilbar in Aspekten eines vage vielleicht wieder kommunizierbaren Allgemeinen, mittels dessen das Hören in die andere Richtung seines Vermögens und seiner Neigungen wollte, auch einmal ins Überbordende, Schwelgerische der gegenständlichen Welt. Trotzdem: Dabei "...auf die Stellen lauschen, die man weglassen kann" (Miles Davis). In den nicht semantisierbaren Anklängen von Musiken - die sich aufwändig umschreiben lassen, aber derart fast immer doch unzugänglich bleiben - streift man Grenzzonen. (Notenschrift ist ein Notierungssystem bereits aus distinkten Zeichen, eher wie ein Navigierungssystem, eine mathematische Formel, keine eigentliche Schrift.) Es gibt da so ein Adagietto von Mahler, aus ein paar Kindertönen eigentlich nur, die mich, in dieser Zusammenstellung, jedesmal fast zum Weinen treiben, und ich kann nicht sagen, warum. Weder gibt es einen Grund zum Weinen, noch einen, der im Zusammenhang damit abzuleiten wäre. Der Impuls dazu kommt allein aus der Adresse der Töne, die es unbekannterweise auch in mir gibt und womit also etwas anschreibbar ist, das ich selber nicht kenne geschweige denn begreife. Eine bestimmte Tonfolge - und etwas, das keinerlei konkret zu machende Vorlage hat, das komplex verrechnet einen Nenner für vielfältige Zähler findet: Gefühl, Bild, Erinnerung... und wiederum komplexe Schwund- und Verdichtungsstufen daraus. Oder etwas viel Flüchtigeres, wie völlig Neues. Womöglich gäbe es da engrammatisch-zelluläre Entsprechungen, etwas im Gespinst der enkodierten Synapsenverbindungen, das ohne Hirnarbeit Non-sense, lediglich physiologisch begründet ist. Das ist interessant, aber diese Erklärungsweisen bleiben dann doch allemal im Positivistischen stecken - man muss andere Annahmen finden für uns einleuchtendere Erklärungen. Wenn die aber sämtlich hypothetisch sind, warum nicht gleich hypothetischere... poetischere des Sinns? Also sind wir Schöpfer aus dem uns Mitgegebenen und erleuchten uns inspirierterweise hier und da selbst. Jedenfalls gibt es ja immerhin auch in Sprachverbindungen Zusammenstellungen, die sofort funktionieren, im herkömmlichen Sinn aber nur schwachen Sinn machen. (Hier erkennt man u.a. die Relativität, das Gemachtsein von Sinn überhaupt... der wesentlich erst einmal nur eine Übereinkunft ist.) Wie funktioniert das bei Tönen, Frequenzen, Resonanzphänomenen? Ist das ein Abtasten von Mustern nur je persönlicher Anklangsnerven und ihrer schwebenden Potenziale? Muss man hier den Beginn von so etwas wie Synästhetik sehen, für die nur Wenige begabt sind? Diese Idee von Hör-Bildern waren - zumal als Analogiebildungen - natürlich nur schwach. Aber sie haben sich dennoch bewahrt / bewährt. Das deutet dann doch auf etwas Stimmiges darin. Ein paar der Hör-Bilder, die sich über die Jahre kaum verändert haben: - Blick in einen Querschnitt von unterseeischen, unbelebten Dämmerzonen, durch die unentwegt totes Plankton in die Tiefen eines Ozeans rieselt; - Bruchfalten von Desintegration, "Die rote Wüste", Schlote eben kollabierender Industrien, die mit durch die Ferne gedämpften Rauschfrequenzen ihre Verpuffungen ausrauchen; - Einmal so etwas wie ein Kyrie, ein Ringen von Zweifeln und Vorbehalt: keine Lösung ? ein bildlos-seelisches Moment, das einer psychischen Bewegung zu enstprechen scheint. Das könnte fast beliebig fortgesetzt werden, ist aber wohl zu individuell gefärbt und steht gegen andere Bilder, deshalb das nur als Beispiel. Dazu Kambodschanischer Kaufhaus-Klingklang-Trash, Wechseln ins Afrikanische mittels Pygmäen-Polyphonie und sich verzählender Rhythmik... und wieder Zeitlupenmenuette außer Takt geratener Mechaniken, die zerbrechliche Stimmungen in ihrem Kreis herum führen, einen Anklangsreigen, immer herum -. Mit Klängen von präpariertem Klavier und kaputten Spieluhren scheint da alles, was auf Cage'sche Weise die akustischen Hintergründe in sich auf und hinein nimmt und sie nicht bestreitet. Einmal kaum hörbarer Regen unter stratosphärischen Störeinschlägen; dann wieder reine Töne zwischen knurpselndem, entsemantisierten, neue Organiken zu bilden suchendem Geräusch. Dazwischen Türenschlagen, Taubenaufflug, ferne Tierschreie... und wieder Ausatmer, körpernahes Verstreichen. Sind die Anklänge, ist das Suchen nach wortbildenden Entsprechungen von Anklängen nur das Entkommen dem, das keine Worte mehr hätte? Wäre die mögliche Freiheit durch Ton eigentlich begriffen, schon zu begreifen? Kann sie ausgehalten werden, wenn sie sich nicht sofort in körperlichen Ausdruck stürzt (wo aber auch die Motorik nicht frei von narzisstischen Selbstbildern beim Tanzen wäre)? Gibt es also etwas Bild- und Begriffsloses bei Tönen? Man kann vielleicht nur an dem Vorfeld dazu arbeiten. Was Klang anrührt sind wohl zuerst einmal die Arten dieser seltsamen Bindungen selbst, religio, Rückbindungen quasi von Subjektivität - und dem sie bildenden Grund, da das Subjekte seine Namen und Anschreibbarkeiten verliert. Es ist dann in diesen Anklängen, ihrem Aufrufen, wohl ein bestimmtes Gemeintsein, aber eher als ein akustischer Logos in Form vor- oder fast entpersönlichten Hieroglyphen. Und darin, um so mehr in der individuellsten Einfärbung, die nicht mehr verstanden wird, ein Lösen vom Allgemein-Verbindlichen, ein Ent-binden. Da wäre irgends ein Weg... Die Idee ist, dass dort sich wiederum das intelligible, kommunizierbare Allgemeine zeigt und Verbindungen schafft, damit einen neuen Boden bereitet, und sei's im Wieder-Anklang an den ersten Summton im wachsenden Klangkörper der Mutter, im vorbewusstesten Resonanz-Phänomen, in der je eigenen Sirenen-Frequenz eines Kinderlieds. Im Verlorensten steckte ein neuer Ruf! Ein Anklang - ein Wiederfinden! Weil es Freiheit vom eigenen Selbst kaum einmal gibt, kann das Fraglichwerden der Lesbarkeiten schon als Freiraum empfunden werden. Die aurale Potenz des Tons ist sein Potenzial. Und anscheinend muss sich alles, was wirkt, eh wieder verbinden. Was mich, als einer ihrer Macher, nach laaanger Zeit des Vergessens beim Wiederhören überrascht hat ist, obwohl - oder weil - die Platte eher eine sortierte Sammlung ist als eine komponierte, wie sie nach wie vor in einem erheblichen Sinn offen ist, und zwar auch für das, was fehlt, bzw. was durch ein im Hören nahegelegtes Fehlen den Gedanken - einen Anklang - dieser Offenheit aufruft. Da läge vielleicht ihre Kraft, vielleicht ihr größter Vorzug - und wohl auch der Grund für ihre Möglichkeit des Überdauerns. Dazwischen ist nichts verloren.
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III Linie, Punktschwarm, WolkeDie vielfach gebrochene Linie - das Fraktal, ein Küstenverlauf heruntergebrochen bis zum Sandkorn, komplexe Selbstähnlichkeiten hindurch die Skalen bis hin zu nur mehr errechenbare Zooms -, all das waren seinerzeit noch keine geläufigen Vorstellungs- geschweige denn schon Definitionselemente, sie entsprechend ihrer Karriere in der dann rasch populär werdenden Chaostheorie schon zu benutzen. (Der Schmetterlingsflügelschlag, der den Tornado auslöst... das sich addierende Aufschwingen von Winzigkräften zu unabsehbaren Wirkungen.) Trotzdem schien sie, die gebrochene Linie, eine brauchbare Verbildlichung um an eine visuelle Entsprechung denken zu lassen für gewisse noch schwer beschreibbare Momente in der Musik, der Akustik, in ihre höhere Auflösung zielende Prozesse von eher Geräuschparameter- als Tonspreizungen. Da gibt es wie organisch erscheinende Umlenkungen mikrostruktureller Ereignisse hindurch Zeitverlangsamungen, wo pumpende, atmende Rauschränder hörbar werden, eine Art Herzschlag gleichsam auch des Mineralischen, das als formale Angleichung zwischen dem Organischen einerseits, der reinen Mathematik andererseits fungiert: Etwas vom Reagens im komplexen Kräftebezug, etwas vom Kristall, etwas Korpuskelartiges, das iterativ der unvorhersehbaren wie der in ihm angelegten Bewegung folgt. Auch war das damals die Zeit noch vor den "Deterritorialisierungen", ein Theorie-Ding, das mit seinen Wortfeldern einen Rahmen bot für Bewegungen "das Feld gesellschaftlicher Determinanten" zu verlassen (was natürlich so schick ist, dass es dann jeder wollte), und das dann einigermaßen wirkmächtig wurde und heute noch seine Restwirkungen entfaltet. Was die gebrochene Linie und das Verfolgen ihrer Bewegung erlaubt, ist, weniger zeitbezogen, und weniger bezogen auf den Kontext der im Zuge mit Techno und digitalen Selbstproduktionsmitteln aufkommenden "Tausend Plateaus", was also der Ausschlag der Linie, des Pulses erlaubt ist: "eine exzentrische Positionalität einzunehmen" (H. Plessner). Von da aus operiert es sich auch leichter mit Unbestimmtheiten. Heute ist es ein Leichtes, mit einer mathematischen Formel aus eben jener Chaostheorie und ihren Rekursivgleichungen aus einem Punkt eine Wolke, ein Kontinuum entstehen zu lassen, aus einer Linie die Fläche. Die Formel ist selber zum Algorithmus der digitalen Musikerzeugung geworden, mittels deren Präzision allerdings auch oft um den Preis der Unschärfe-Qualitäten, eines meist ja gar nicht genau genug zu bestimmenden Charmes des Dazwischens aus der nicht-linear organisierten Welt. Die reine Linie - sie negiert alle Näherungen, meint im Ideal der Perfektion auch eine letztliche Unzugänglichkeit. (So wie man früher "human touch" in die als erbarmungslos empfundende - oder nur diffamierte - Präzision der Rhythmus(= Zähl-)elektroniken zu reintegrieren suchte - und damit das Menschliche nur folgerichtig selber in die Nähe von "fake" brachte, des Gemachten, das seine Irrtümer als (immer mögliche Ver-)Fälschung schon in sich trug. Und es damit aber zugleich als ein Ordnungselement innerhalb heterogener Ordnungen bestimmte. Die Maschine ist die Maschine - was ihren Vorzug ausmacht. Es sind eben Irrtum und Genie des Menschen, immer alles mit sich zu verwirren, oder verwirren zu lassen.) Die Laptop-Musik von heute also, als Sound-Processing, hat weitgehend ihre schmutzigen Ränder verloren, das Feld wurde nochmal erweitert. Etwas Organisches, so es dem Empfinden vor zu viel Gleichförmigkeit doch als Fehl-Stelle auffällt, muss entweder importiert oder programmiert werden, und atmet dort dann doch meist nur flach. (Das sei hier nicht verstanden als Beklagung eines Verlusts, sondern lediglich als Beschreibung.) Der Traum, der der Maschine verwehrt bleibt: auch dem letztdefinierten Determinismus noch eine poröse Form anderen Vorkommens zu erlauben. Manche Musiker wandten sich dann zurück zu Kontrabass, Schrummelgitarren, aberranten Stimmen. Der Körper als erste und letzte Referenz, die Materien Holz und Metall und die eingeführten Physiken ihrer Zusammenstöße, beweisen ihre Qualitäten. Die Linien werden nämlich dort teilweise komplexer noch gebrochen, reichhaltiger, weniger vorherbestimmbar, mit einem vielfältigeren Mit-Schwingen der Welt. Der Fingerdruck auf einer Saite, das resonierende Körnchen Salz im Innenohr, die seltsamen Attraktoren neben allen Messpunkten des inspirierten Moments... all das sucht weiterhin nach der idealen Gebrochenheit - die ja nichts ist, als eine Suche nach der idealen Unterschiedenheit des Ausdrucks eines Individuellsten und dessen Angenommensein im Allgemeinsten (und damit wieder der Harmonia Mundi wiederum). "Es geht nicht darum, die Natur nachzubilden, sondern durch eine der Natur entlehnten Arbeitsweise von Zufall und Auswahl, die Natur sich selbst nachbilden zu lassen." Rainer Rabowski, Sep 2007 |
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