Gedanken eines Laut-Lesers (über »Effi Briest«) von Axel Grube
In der Zeit der wiederholten Lektüre von »Effi Briest«, dem längeren Umgang mit der Erzählung, der gesteigerten Aufmerksamkeit im Laut-Lesen und in deren Zuspitzung in der Sprach-Aufnahme – im Zuge also der Hörbuch-Produktion für eine ungekürzte Lesung des Romans Theodor Fontanes –, wurde deutlich, wie wenig ich im ersten, stummen Lesen eigentlich wahrgenommen hatte, wie viele der reichen Motive, Bezüge und Anspielungen in dem feingesponnen Text ich leichthin überlesen und übersehen hatte.
Da ist zunächst die Eingangszene: Erst im zweiten, dritten Durchgang wurde mir zunehmend gewahr, dass und wie es hier, in der Schilderung des Herrenhauses zu Hohen-Cremmen, nicht lediglich um die Eröffnung der Erzählbühne geht. Die topographische Beschreibung des Hauses, mit der Front in hellem Sonnenschein und einer beschatteten Rückseite, dem Garten mit dem Zugang zum Seitenflügel im Hochparterre, dem Rondell – der spätere Grabplatz Effis –, der kleinen weiß gestrichenen Eisentür in der ganz von kleinblättrigem Efeu umwachsenen Mauer; dazu mit dem Überblick, der Vogelperspektive auf das Ensemble aus Gebäuden, Friedhofsmauer und Ziergarten als ein Hufeisen, an dessen offener Seite sich ein Teich mit Wassersteg und angekettetem Boot auftut, an dessen Rand man einer Schaukel, umgeben von den mächtigen alten Platanen gewahr wurde – alles das an Szene zeigte sich mir immer mehr als die behutsame Andeutung eines existenziellen Tableaus, in dem erst die Persönlichkeit Effis in der umfassendsten Lebensmöglichkeit auftreten kann.
Lebenslust und Herzensgüte, Übermut und Grazie sind die komplementären Begriffspaare, mit denen Fontane Effi in diesem Paradiesbild der »Möglichkeit der Möglichkeit« vorstellt, als Frau mit »lachenden braunen Augen und einer großen, natürlichen Klugheit«. Was sich hier mit Begriffen eines Vor-Rationalen wie »Grazie und Herzensgüte« und »natürlicher Klugheit« andeutet, sah ich später in einer Verbindung zu der Aussage des Vaters Briest in dem letzten Dialog des Romans mit seiner Frau:
»Frau von Briest hatte mittlerweile den Kaffee eingeschenkt und sah nach dem Rondell und seinem Blumenbeet. ›Sieh, Briest, Rollo liegt wieder vor dem Stein. Es ist ihm doch noch tiefer gegangen als uns. Er frißt auch nicht mehr.‹ ›Ja, Luise, die Kreatur. Das ist ja, was ich immer sage. Es ist nicht so viel mit uns, wie wir glauben. Da reden wir immer von Instinkt. Am Ende ist es doch das beste.‹«
Auszug 1, Aus der Volltextlesung »Effi Briest«
Auszug 2, Aus der Volltextlesung »Effi Briest«
Im Anklang an die Gedanken einer Persönlichkeit, die ebenfalls aus der Mitte der preußischen Gesellschaft kam, an einen »Instinktverlust« und eine gewisse Unhintergehbarkeit im Physiologischen (»Man lügt wohl mit dem Munde, aber mit dem Maule das man dabei macht, sagt man doch immer die Wahrheit«), – deutet Fontane mit dieser Klammer zwischen erster und letzter Szene – in aller Behutsamkeit – auf einen Seinsgrund des »Übermuts«, welcher eine f r ö h l i c h e W i s s e n s c h a f t, eine Suche der »süßen Angst« und Leidenschaft für ein Ausloten der Grenzen in dem Panorama der Möglichkeit erst eröffnen kann. Übermut meint hier, im Sinne eines »mehr an Kraft« (Nietzsche), ein seelisch-physiologisches Vorrationales, die Körpererinnerung und den Vertrauens-Vorschuss einer Herzensbildung.
Schon mit dem Begriff der Grazie in der Beschreibung Effis, deutet Fontane auf eine Beziehung oder Koinzidenz von Physiologie, Körper und Bewegung zu einem Charakterbild im Sinne von Herzensgüte, Übermut und »natürlicher Klugheit«. (Zu weiteren Überlegungen wird hier später noch der Text von Heinreich von Kleist »Über das Marionettentheater« hinzugezogen, auch weil sich mittels dieser Erzählung ein weiterer Ausblick in Analogie zu Effis »schönster Zeit« ermöglicht.)
Mit der Erzählung von den »Schlusen«, den herumliegenden Stachelbeerschalen, auf denen man, nach Hinweis der Mutter, ausrutschen kann, und der Behauptung Effis auf das »Fallen-Können«, knüpft Fontane an diesem »Fragmal« an:
»Im Nu waren die Docken in den Korb gepackt, und als alle wieder saßen, sagte Hulda: ›Nun aber, Effi, nun ist es Zeit, nun die Liebesgeschichte mit Entsagung. Oder ist es nicht so schlimm?‹ ›Eine Geschichte mit Entsagung ist nie schlimm. Aber ehe Hertha nicht von den Stachelbeeren genommen, eher kann ich nicht anfangen – sie läßt ja kein Auge davon. Übrigens nimm, soviel du willst, wir können ja hinterher neue pflücken; nur wirf die Schalen weit weg oder noch besser, lege sie hier auf die Zeitungsbeilage, wir machen dann eine Tüte daraus und schaffen alles beiseite. Mama kann es nicht leiden, wenn die Schlusen so überall herumliegen, und sagt immer, man könne dabei ausgleiten und ein Bein brechen.‹ ›Glaub ich nicht‹, sagte Hertha, während sie den Stachelbeeren fleißig zusprach. ›Ich auch nicht‹, bestätigte Effi. ›Denkt doch mal nach, ich falle jeden Tag wenigstens zwei-, dreimal, und noch ist mir nichts gebrochen. Was ein richtiges Bein ist, das bricht nicht so leicht, meines gewiß nicht und deines auch nicht, Hertha. Was meinst du, Hulda?‹«
Auszug 3, Aus der Volltextlesung »Effi Briest«
Die Pfarrerstochter Hulda repräsentiert in der Gruppe der Freundinnen die Mentalitätsgeschichte der vorgängigen Einschränkung und Ausgrenzung – oder, etwas psychologischer, der Abspaltung. Ein Dazwischen-Sein, ein Inter-Esse und eine Aufmerksamkeit (Hulda hatte auch die interessante Erzählung des Kandidaten Holzapfel längst wieder vergessen), ein Humor und Gut-Fallen-Können sind ihr nicht möglich:
»›Also nun nicht ängstlich ... rasch, rasch, ich fliege aus, und neben der Bank hier ist frei.‹ Hulda wollte noch ein paar Einschränkungen machen, aber Effi war schon den nächsten Kiesweg hinauf, links hin, rechts hin, bis sie mit einem Male verschwunden war. ›Effi, das gilt nicht; wo bist du? Wir spielen nicht Versteck, wir spielen Anschlag‹, und unter diesen und ähnlichen Vorwürfen eilten die Freundinnen ihr nach, weit über das Rondell und die beiden seitwärts stehenden Platanen hinaus, bis die Verschwundene mit einem Male aus ihrem Versteck hervorbrach und mühelos, weil sie schon im Rücken ihrer Verfolger war, mit ›eins, zwei, drei‹ den Freiplatz neben der Bank erreichte. ›Wo warst du?‹ ›Hinter den Rhabarberstauden; die haben so große Blätter, noch größer als ein Feigenblatt …‹ ›Pfui …‹ ›Nein, pfui für euch, weil ihr verspielt habt. Hulda, mit ihren großen Augen, sah wieder nichts, immer ungeschickt.‹«
Auszug 4, Aus der Volltextlesung »Effi Briest«
Auszug 5, Aus der Volltextlesung »Effi Briest«
Erwähnenswert vielleicht in diesem Zusammenhang, (Was ein richtiges Bein ist, das bricht nicht so leicht (...) eine Szene der Fassbinder-Verfilmung: Die Andeutung eines Lächelns Crampas nur - in einem frühen Gespräch Effi / Crampas - deutet die Möglichkeit an, Effi nimmt das Kind auf, hält es hoch, beinah in einer Geste des Abwehrzaubers gegenüber dem Verführer - und geht dann, ungewöhnlich steifbeinig, ja trampelig auf das Haus, auf die Kamera zu. Die Freundinnen, neben Hulda die Töchter des Kantors, die Zwillinge Bertha und Hertha, repräsentieren, wie auch in den Erzählmustern von Märchen oder etwa den drei Brüdern Karamasow, verschiedene, abgestufte Seinsmöglichkeiten gegenüber einer gleichen Herausforderung. Die Jahnke-Zwillinge im Fontane-Roman figurieren für das Bild des offenen Interesses, ohne an der Offenheit teilnehmen zu können: (...) Aber kommt, wir wollen uns schaukeln, auf jeder Seite zwei; reißen wird es ja wohl nicht, oder wenn ihr nicht Lust habt, denn ihr macht wieder lange Gesichter, dann wollen wir Anschlag spielen. (...) Effis Lust am Schaukeln - das sattsam bekannte Symbol der Schaukel birgt hier mehr als nur das Bild von jugendlicher Lebensfreude - weist auf die Fähigkeit zu dem Spiel mit der Ambiguität, dem »Totpunkt«, einer offenen Dialektik im Erproben des eigenen Weges im Feld der Möglichkeit. Am liebsten aber hatte sie wie früher auf dem durch die Luft fliegenden Schaukelbrett gestanden und in dem Gefühl »jetzt stürz ich« etwas eigentümlich Prickelndes, einen Schauer süßer Gefahr empfunden. (Interessant in diesem Zusammenhang: Gregor Samsas Aufschaukeln im Bett, als erste Möglichkeit des Käfers (...) Schon in den Kindheitserinnerung Fontanes findet sich ein Hinweis auf die weitergehenden Implikationen der Schaukel-Metapher: (...) Der quer überliegende Balken fing schon an morsch zu werden und die Haken, an denen das Gestell hing, saßen nicht allzu fest mehr. Und doch konnt´ ich gerade von dieser Stelle nicht los und setzte meine Ehre darin, durch abwechselnd tiefes Kniebeugen und elastisches Wiederemporschnellen, die Schaukel derartig in Gang zu bringen, daß sie mit ihren senkrechten Seitenbalken zuletzt in eine fast horizontale Lage kam. Dabei quietschten die rostigen Haken und alles drohte zusammenzubrechen. Aber das gerade war die Lust, denn es erfüllte mich mit dem wonnigen und allein das Leben bedeutenden Gefühle: Dich trägt dein Glück. (...) Die Fortsetzung des »Versteckspiels« und Effis Vorschau in der erneuten Vogelperspektive über das Panorama um das Haus Hohen-Cremmen, deutet das alte Motiv einer Seelenreise an, der Möglichkeit der immer neuen Gestaltung des Eigenen in dem Umfeld des Gegebenen, der Kultur und Konvention: (...) Und dabei flog Effi von neuem über das Rondell hin, auf den Teich zu, vielleicht weil sie vorhatte, sich erst hinter einer dort aufwachsenden dichten Haselnusshecke zu verstecken, um dann, von dieser aus, mit einem weiten Umweg um Kirchhof und Fronthaus, wieder bis an den Seitenflügel und seinen Freiplatz zu kommen. Alles war gut berechnet; (...) Um so größer die Fallhöhe ... - mit dem Ruf der Mutter. Der Eintritt in den Raum im Hochparterre des Seitenflügel und die groteske Reduzierung: Heirate Instetten. Und du wirst mit 20 Jahren dort stehen, wo andere mit 40 nicht hingelangen. (...) aber freilich, ehe sie noch halb um den Teich herum war, hörte sie schon vom Hause her ihren Namen rufen und sah, während sie sich umwandte, die Mama, die, von der Steintreppe her, mit ihrem Taschentuch winkte. Noch einen Augenblick, und Effi stand vor ihr. Der Ruf der Zwillinge noch, aus dem Außenraum durch das kleine Fenster: »Effi komm« und ein Leben der »Möglichkeit der Möglichkeit», das sich in dem gesamten Panorama der Eingangsszene dargestellt wird - ist, auf lange, verwirkt. Insert: Einige allgemeinen Worte zur Symbolik Verdirbt man es sich nicht durch die reflexive Beschreibung eines symbolischen, emblematischen oder metaphorischen Hintergrundes einer Erzählung? (Fortsetzung in etwa einer Woche)
Auszug 6, Aus der Volltextlesung »Effi Briest«
Bilder einer Frau Ein Bild von Effi Briest erschien Theodor Fontane zunächst in Person einer jungen englischen Frau, die ihm bei einem Hotelaufenthalt in Thale auffiel. In einem Brief an Hans Hertz heißt es: »Das Mädchen war genauso gekleidet, wie ich Effi in den allerersten und dann auch wieder in den letzten Kapiteln geschildert habe: Hänger, blau und weiß gestreifter Kattun, Ledergürtel und Matrosenkragen. Ich glaube, dass ich für meine Heldin keine bessere Erscheinung finden konnte.«
Auch Caroline de la Motte Fouqué, geb. Briest, wird einen Teil zu Fontanes Vorstellung beigetragen haben; als eigenständiger Künstlertypus, als Literatin der Romantik und führende Dame eines Salons auf Schloss Nennhausen, an dem u. a. Adelbert von Chamisso, Joseph von Eichendorff, Karl August Varnhagen von Ense, Rahel Levin-Varnhagen von Ense, August Wilhelm Schlegel und E. T. A. Hoffmann teilnahmen.
Auf die Geschichte von Elisabeth von Ardenne, geb. von Plotho, geht der »Plot« der Erzählung zurück. Eine Freundin Fontanes, Frau Lessing, hatte Fontane von dem ›Fall‹ erzählt, einer damaligen Ehebruchs- und Duellaffäre. Ein entscheidendes Motiv des Romans, der Ruf »Effi komm«, geht auf ein Detail der Lessing'schen Erzählung von der Geschichte der Verheiratung der jungen Elisabeth von Plotho mit dem Baron von Ardenne zurück: den Ruf der Mutter an Elisabeth: »Else komm, der junge Ardenne spielt Klavier«. Fontane erklärte später Spelhagen gegenüber, diese Schilderung habe in ihm den Keim für die ganze Erzählung geweckt.
Elisabeth und Baron von Ardenne
Elisabeth von Ardenne, geb. von Plotho, in späterer Zeit
So mag es überhaupt von Interesse sein, die verschiedenen Bilder einer Frau, wie sie in Buchillustrationen und Verfilmungen weiter variert werden, zu verfolgen.