Märchen und mündliche Überlieferung
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Das Älteste, das Sprechen in Bildern, ist im 19. Jahrhundert, zusammen mit der jahrtausendealten Kultur der oral tradition, untergegangen. Die Grimm'sche Literarisierung der Märchenerzählungen ist somit Endpunkt, in ihrer tiefen Einfühlung in Bedeutung und Gehalt der Bildsprache dieser Volksliteratur und ihrer immensen Verbreitung in der ganzen Welt zugleich aber auch Höhepunkt dieser Tradition. |
Die Grundlagen für eine zyklische Wiederbelebung und intensive Vergegenwärtigung der archetypischen Szenarien der Märchen sind vor allem mit dem Verschwinden des Typus des Tradenten, des Erzählers, mit der auralen Überlieferung verlorengegangen. An dem Erzähler oder vielmehr an der Erzählerin – denn wie der Wuppertaler Märchenforscher Heinz Rölleke richtig feststellt, war das Erzählen der Märchen zu einer Domäne der Frauen geworden – war es, zugleich die tiefe existenzielle Bedeutung der alten Bilder zu erinnern, zu erkennen, aber gleichzeitig auch in Reflexion der eigenen Lebenserfahrungen, in großer Nähe zum eigenen Leben, die Geschichten immer wieder neu auszuprägen und zu nuancieren. Dies geschah – und das ist ein wichtiger Punkt, setzt man dazu die Bedingungen heutiger Adaptionen der Märchen in Vergleich – aus einer unbedingten, nur aus der Sache selbst bzw. der Passion für ihre Vermittlung herrührenden Ambition. Die auratische Nähe des nur Auralen barg überdies eine Intensität, die, wie geschehen, durch bildliche und musikalische Erweiterungen leicht verdrängt werden konnte. An der Tradition der auralen Überlieferung anknüpfen, die Prägungen dieser Tradition für das Medium Hörbuch versuchen aufzugreifen; das ist im wesentlichen der Ansatz des onomato Verlages bei den Produktionen der Märchen der Brüder Grimm. Die Grimm'schen Märchen Die Grimm'sche Literarisierung, die Niederschrift und Ausformung der Volksmärchen ist in ihrer tiefen, persönlichen Einfühlung in Bedeutung und Gehalt der Bildsprache Höhepunkt, aber zugleich auch Endpunkt und Ausklang einer jahrtausendealten Kultur der mündlichen Überlieferung, der »oral tradition«, der »auralen Überlieferung«. Nach einer längeren Periode der Fixierung der lebendigen Form, besonders auch durch die Suspension der Bildsprache der Märchen in der Bildfläche der Illustrationen, bis hin zu den Disney'schen Filmen, bedürfen die Märchen wieder der lebendigen Form, der Wiederholung der Momente und Mentalitäten der oral tradition. Der Sprecherin oder dem Sprecher fällt dabei wieder die Aufgabe zu, Tradent, persönliches Medium der Erinnerung zu sein. Die Erzählung erhält ihre lebendige Form, indem sie, in langjähriger Trägerschaft und Beschäftigung von dem Leben des Tradenten bestärkt und gespiegelt, wiedergegeben und resoniert wird. Dieser Beiklang ist unmittelbar zu erfahren, es ist die Musik in der Sprache. |


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