Märchen und mündliche Überlieferung

 

 

Die Märchen der Brüder Grimm und die Fortführung mündlicher Überlieferung

 

 

 

Das Älteste, das Sprechen in Bildern, ist im 19. Jahrhundert, zusammen mit der jahrtausendealten Kultur der oral tradition, untergegangen. Die Grimm'sche Literarisierung der Märchenerzählungen ist somit Endpunkt, in ihrer tiefen Einfühlung in Bedeutung und Gehalt der Bildsprache dieser Volksliteratur und ihrer immensen Verbreitung in der ganzen Welt zugleich aber auch Höhepunkt dieser Tradition.
Die Grimm'schen Collactaneen, obwohl durch die Literarisierung einer oralen Tradition auch schon von Markt- und  Verlagsumständen beinflusst, ist, insbesondere gelebt durch Wilhelm Grimm, ein immer in erster Linie ideelles Projekt geblieben. Nur so scheint es rückblickend möglich gewesen zu sein, dass in einer fast 40 Jahre währenden Arbeit mit leidenschaftlicher Intuition die Texte von den eher philologischen Versionen der ersten Ausgabe von 1810 zu den Erzählungen mit dem suggestiven Märchenton der letzten Ausgaben weiterentwickelt wurden. Der Märchenforscher Heinz Rölleke beschrieb dieses langjährige Erinnern Wilhelm Grimms treffend in dem Satz: »Indem die Brüder Grimm den alten Märchenton suchten, schufen sie ihn unvermerkt.«

In der Folge der vielfältigen Adaptionen, Illustrierungen und Verfilmungen der Grimm'schen »Collactaneen«, hat die Bildsprache, die Essenz dieser Erzählungen, an Kraft und Resonanz verloren. Um zu den Quellen der Bildsprache der Märchen zurückzukehren, bedarf es einer Besinnung auf ein ganz wichtiges Element der »oral tradition«: Der immer neuen Erinnerung bzw. Erfrischung der archetypischen Bilder durch die Tradenten.

  Die Grundlagen für eine zyklische Wiederbelebung und intensive Vergegenwärtigung der archetypischen Szenarien der Märchen sind vor allem mit dem Verschwinden des Typus des Tradenten, des Erzählers, mit der auralen Überlieferung verlorengegangen. An dem Erzähler oder vielmehr an der Erzählerin – denn wie der Wuppertaler Märchenforscher Heinz Rölleke richtig feststellt, war das Erzählen der Märchen zu einer Domäne der Frauen geworden – war es, zugleich die tiefe existenzielle Bedeutung der alten Bilder zu erinnern, zu erkennen, aber gleichzeitig auch in Reflexion der eigenen Lebenserfahrungen, in großer Nähe zum eigenen Leben, die Geschichten immer wieder neu auszuprägen und zu nuancieren. Dies geschah – und das ist ein wichtiger Punkt, setzt man dazu die Bedingungen heutiger Adaptionen der Märchen in Vergleich – aus einer unbedingten, nur aus der Sache selbst bzw. der Passion für ihre Vermittlung herrührenden Ambition. Die auratische Nähe des nur Auralen barg überdies eine Intensität, die, wie geschehen, durch bildliche und musikalische Erweiterungen leicht verdrängt werden konnte.
An der Tradition der auralen Überlieferung anknüpfen, die Prägungen dieser Tradition für das Medium Hörbuch versuchen aufzugreifen; das ist im wesentlichen der Ansatz des onomato  Verlages bei den Produktionen der Märchen der Brüder Grimm.
 
Die Grimm'schen Märchen
Die Grimm'sche Literarisierung, die Niederschrift und Ausformung der Volksmärchen ist in ihrer tiefen, persönlichen Einfühlung in Bedeutung und Gehalt der Bildsprache Höhepunkt, aber zugleich auch Endpunkt und Ausklang einer jahrtausendealten Kultur der mündlichen Überlieferung, der »oral tradition«, der »auralen Überlieferung«. Nach einer längeren Periode der Fixierung der lebendigen Form, besonders auch durch die Suspension der Bildsprache der Märchen in der Bildfläche der Illustrationen, bis hin zu den Disney'schen Filmen, bedürfen die Märchen wieder der lebendigen Form, der Wiederholung der Momente und Mentalitäten der oral tradition. Der Sprecherin oder dem Sprecher fällt dabei wieder die Aufgabe zu, Tradent, persönliches Medium der Erinnerung zu sein. Die Erzählung erhält ihre lebendige Form, indem sie, in langjähriger Trägerschaft und Beschäftigung von dem Leben des Tradenten bestärkt und gespiegelt, wiedergegeben und resoniert wird. Dieser Beiklang ist unmittelbar zu erfahren, es ist die Musik in der Sprache.
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