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Märchenillustrationen

 Märchenillustrationen

 

Der Kunsthistoriker Wilhelm Fraenger zeigt in seinen Texten über die Malerei von Hieronymus Bosch auf, wie sehr das malerische Werk des niederländischen Künstlers mit einer anthropologischen Geistesströmung in Verbindung steht, die in einer zur damaligen Zeit noch lebendigen Symbolik und Bildsprache reichen Ausdruck findet, und die in ihren oft untergründigen Beziehungen zu ketzerischen, mystisch-gnostischen, vorreformatorischen Ausprägungen und überhaupt Mustern des freien Geistes eigentlich im Widerspruch steht zu den welt- und sinnenfeindlichen Dogmen der Kirchen, ihren Lehren der Abspaltung, der Erbsünde, des jüngsten Gerichtes, ihrer »Fletrierung des Sensuellen und der Menschenmäkeley«. (Heinrich Heine)
In dem gläubigen Menschenbild des Hieronymus Bosch und seiner Bildsprache sehe ich eine tiefe Gemeinsamkeit mit der paganen Volksliteratur und den Märchen der Brüder Grimm im Besonderen.


Ausschnitt aus dem Triptychon »Die Versuchung des hl. Antonius«

Fraenger befürwortet z. B., dass das berühmte Triptychon Boschs, das Altarbild »Das tausendjährige Reich« (oder wie es analog zur falschen Lesart immer fälschlich oder mit Rücksicht auf die Entlehnung dieses Begriffes durch die National-sozialisten mit »Der Garten der Lüste« bezeichnet wird), nicht als eine Metapher des Sündenfalles von links nach rechts, in einer kausalen Folge von Paradies, Sündenfall und Höllenstrafe zu lesen ist, sondern dass die drei Bildflügel als eine parataktische Darstellung einer Bandbreite existenzieller Möglichkeiten betrachtet werden können. Den Motiven des mittleren Flügels kommen dabei die versöhnenden, integrativen Vorbilder zu:  Bosch »rückte dieses Triptychon in einen Zwischenraum, in dem ein neuer religiöser Lebenswille und die Tradition der Kirche auseinanderklaffen. Er hat auf der Mitteltafel den Heilsweg einer religiösen Liebeslehre, ein erotisches Mysterium geschildert und damit eine Werttafel der Vorstellung errichtet, daß Christusglaube und Naturergebenheit versöhnbar und der alte Zwiespalt zwischen Geist und Trieb im Zeichen einer neu begriffenen Gott-Natur, trotz Tod und Teufel, überbrückbar sei.«

 

 

Auschnitt (Die Brautkammer) aus dem Triptychon »Das tausendjährige Reich«


Das dem mittleren Flügel entnommene Bild der »Brautkammer« z. B., das auf der CD 1 der onomato Märchenausgabe Verwendung findet, symbolisiert in diesem Zusammenhang das untrennbare Verwobensein von Sinnlichkeit, Liebe und Religiösität in dem alten Bild der heiligen Hochzeit, des Hieros Gamos.
Auch die Märchenerzählungen münden ja meist, nach schwierigen, gefahrvollen Wegen der Individuation in diesem Bild, in dem sich Endliches und Unendliches im Lebensnähesten berühren.
Ein zentraler Anklagepunkt eines niederländischen Inquisitionsgerichtes gegen die »Brüder des freien (oder hohen) Geistes«, denen Hieronymus Bosch in Arbeit und Denken nahestand, dokumentiert in dem »Corpus documentorum inquisitionis haereticae privitatis Neerlandicea 1769«, von Paul Frederic (1889), lautet:
»Zweitens, daß der natürliche Geschlechtsakt in einem Sinne vor sich gehen könne, daß er das gleiche wert sei wie ein Gebet vor Gott«.

Mit welchem Selbstverständnis die kanonische Kirche, in Gestalt des Inquisitionsgerichtes, das Höchste, die Heiligung der Liebe in ihrem ganzen Umfang mißhelligt, macht die eigentliche Menschenverachtung der kirchlichen Dogmen anschaulich. Die Kunst Hieronymus Boschs dagegen, wie auch die Märchen, stehen gemeinsam für eine unbedingte, integrative Lebensbejahung. Am Ende dieses Abschnittes, will ich mit einem Zitat zum einen auf den Gedanken der Immanenz dieser Glaubensinhalte, zum anderen aber auch auf das Hörbuch: »Rainer Maria Rilke – Die große Gebrauchsanweisung Gottes« hinweisen:

»Warum hat man uns das Geschlecht heimatlos gemacht, statt das Fest unserer Zuständigkeit dorthin zu verlegen? Gut, ich will zugeben, es soll nicht uns gehören, die wir nicht imstande sind, so unerschöpfliche Seligkeit zu verantworten und zu verwalten. Aber warum gehören wir nicht zu Gott von dieser Stelle aus?« (Rainer Maria Rilke)

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