Vereinigungen

Robert Musil: Vereinigungen

1911 erschien im Georg Müller Verlag in München der Erzählband Vereinigungen mit den beiden Erzählungen „Die Vollendung der Liebe“ und „Die Versuchung der stillen Veronika“. Eine erste Fassung des letzten Textes war bereits 1908 unter dem Titel „Das verzauberte Haus“ in der von Franz Blei und Carl Sternheim herausgegebenen Zeitschrift „Hyperion“ erschienen. Bis zur Endfassung bedurfte es also zweieinhalb Jahre. Die Fertigstellung muss für Musil wie ein Befreiungsschlag gewesen sein, zumindest deutet darauf hin, dass er in seinen Tagebüchern genauestens Auskunft gibt über Datum und Uhrzeit der Fertigstellung. Am Ende des Jahres 1910 und am Anfang des darauf folgenden Jahres hält Musil fest: „18. November 3h 05´ nachmittag: Claudine beendet, 11. Jänner 1911 1h morgens Veronika beendet.“


Im Folgenden findet sich eine Auswahl von Tagebucheintragungen und essayistischen Fragmenten, in denen Musil Inhalt und Form der zwei Erzählungen reflektiert. 

In unserer biografischen Skizze finden Sie mehr Informationen zu Robert Musils Lebensweg.

  01 - Robert Musil, Die Vollendung der Liebe by onomato verlag

02 - Robert Musil, Die Vollendung der Liebe by onomato verlag

03 - Robert Musil, Die Vollendung der Liebe by onomato verlag

 

 

 

musil

 

 

     

Robert Musil: Tagebücher. Bd. I. Reinbek bei Hamburg 1983. Tagebuch Heft 5: 8. August 1910–14. Oktober 1911 oder später

„Übrigens die Claudine u. Veronika geben noch zu einem speziellen Bedenken Anlaß. Ich suchte in der letzten Zeit das Ziel in einer maximalen Stringenz der Darstellung und einem in die Tiefe Treiben des Problems. Ich suchte die wahren (ethischen nicht bloß psychologischen) Determinanten des Handelns. Denn Menschen bei Hauptmann od. Ibsen sind nicht determiniert, ihre Beweggründe bewegen mich nicht. Die (nicht vermiedene höchstens durch den Charakter Novelle entschuldigte) Gefahr ist die:
Wenn man sagt: in der Neigung zu einem Tier kann partiell etwas von der Hingebung an einen Priester sein, oder eine Untreue kann in einer tieferen Innenzone eine Vereinigung sein – so hat man die Basis von Veronika u. Claudine umschrieben. Es ist nicht mehr darinnen als dies. Freilich ist jetzt der Innenbereich mit einer subtilen Mannigfaltigkeit gefüllt. Aber sie wird ethisch nur durch diese Umhüllug charakterisiert sein. Der das Innenleben eines anderen Menschen gestaltende Einfluß des Buches wird immer durch sie erschöpft udgl. Die Art der Vertiefung des Problems ist ethisch belanglos. Es ist ethisch arm. Vorausgesetzt, daß sich wirklich irgendwie zeigen läßt, daß wohl das Grundproblem ethisch wirkt, nicht auf einer Wikungsstufe damit aber etwa die Idee, daß man wegen der unerreichbaren Innerlichkeit in sich verzweifelt (u dh. untreu) sein kann. Und warum. Dann könnte man eine andere Kunst postulieren, die mit vielen solchen Einheiten, deren eine hier unterteilt ist, ungeteilt operiert.“

04 - Robert Musil, Die Vollendung der Liebe by onomato verlag

05 - Robert Musil, Die Vollendung der Liebe by onomato verlag

 

Robert Musil: Tagebücher. Bd. II. Reinbek bei Hamburg 1983. Anhang zu Heft 5

Hier thematisiert Musil die Vereinigungen innerhalb abstrakt gehaltener Überlegungen zur Apperzeption, Welt- und Selbstwahrnehmung:

„1. Das Wesentliche in Claudines Vergangenheit ist, daß sie in ihrem Glück noch nichts Letztes fühlt und nichts vollkommen Sicheres. Ihr Zustand ist nicht stabilisiert u sie beherrscht ihn nicht, solange sie nicht die dynamische Natur seiner Balance erkennt und III2 [das „eigentliche Leben“ als das für „feine Empfängnisse“ offene] erkennt.
2. Das Ganze ist ein Weg zur Sicherheit in ihrer Liebe. Vom Mißtrauen und der Eifersucht aus steigend. Am Schluß erlangt sie ihre Sicherheit, das Bewußtsein dieser feinen Stärke Mensch u. weint vor Glück u weil sie es so erkaufen muß.
3. Claudines Mißtrauen in ihre Liebe ist natürlich schon feiner u. mehr Liebe als das gewöhnliche Glück. Überdies geht es aber von da aus noch weiter bis zum Gipfel. Der ganze Konflikt spielt schon in einer übernormalen Sphäre. [...]
Sie [Claudine] erkennt, daß Glück emotionales Gleichgewicht.. eine Gestaltqualität ist. Ein kompliziert ausbalancierter Gegenstand höherer Ordnung. Verliert man einen Augenblick die Spannung, so geht es in unendliche Löcher. Man wehrt sich gegen die Welt, indem man über sie diese andere spannt.  Jeder spannt aber eine andere, und die eines jeden ist für die eines jeden anderen ein Abgrund. Liebe heißt auf diesem gefährlichen Weg einen Gefährten haben. Lieben heißt die Gefährlichkeit des Wegs erkennen und das Unbegreifliche der Coincidenz mit einem Andern fühlen. Von jedem Wort getroffen werden u. gemeinsam durch einen Nebel gehen, durch den man die anderen Menschen nur fern, gedämpft, groß, flächenhaft sieht. Gefühlsentscheidungen sind irrational, liegen jenseits des Verstandes, der emotionale Faktor wirkt ja bei der Ausschaltung des intellektuellen durch Konstanz: Befruchtung, Wachsen des Irrationalen.“

     

 

 

Musil mit Hut  

 

Robert Musil: Gesammelte Werke in neun Bänden. B. 8. Essays und Reden. Aus dem essayistischen Fragment Novellen [1911]

„In allen Liebestragödien liegt die gleiche Oberflächlichkeit: – der zufällige Eintritt des dritten. Rilke hat es gesagt. Er hat den Ehebruch gefordert, der sich nur zwischen zwei Personen abspielt. Der Ehebruch zwischen zwei Menschen (vollzogen an einem beliebigen dritten, an einem Repräsentanten der ersten Sphäre) wegen des Bewußtseins um die Existenz jener innersten Sphäre, wo Liebende sich in Nichtigkeiten auflösen, die sogut sie wie andere sind, wo der einzelne nur der Durchgangspunkt von Reflexionen ist, die allen gelten von einer noch näher an den Geliebten sich Herankämpfenden gewendet als Vollendung der Liebe.“

   

 

 


Robert Musil: Gesammelte Werke in neun Bänden. Bd. 7. Kleine Prosa, Aphorismen, Autobiographisches. Aus einem der fallen gelassenen Vorwortentwürfe zu: Nachlass zu Lebzeiten [1935]

„Ich habe die Antwort [auf die Entscheidungsfrage: Dichten, Forschen, Handeln] mit Anstrengung zu suchen begonnen, als ich mein zweites Buch schrieb, die 2 Novellen, Vereinigungen, u. vornehmlich deren erste. Das Anekdotische dieses Falles ist so: Ich war aufgefordert worden, in einer literar. Zeitschrift, der von FB [Franz Blei] damals herausgegebenen ...[„Hyperion“], eine Erzählung zu veröffentlichen. Meine Absicht war, mir schnell u. ohne viel Bemühen eine Gelenkprobe zu geben und die übliche galante Erzählung ein wenig im Sinn irgendwelcher Gedanken, die mich gerade beschäftigten, zu spiritualisieren. Das sollte mich 8 bis 14 Tage kosten.
Was daraus wurde, war ein2einhalb-jähriges verzweifeltes Arbeiten, währenddessen ich mir zu nichts anderem Zeit gönnte.
Verschärft dadurch, daß der Effekt – eine kleine Erzählung, deren Rahmen keine Ellbogenfreiheit gewährte – unmöglich dem Arbeitsaufwand entsprechen konnte.
Was schließlich entstand: Eine sorgfältig ausgeführte Schrift, die unter dem Vergrößerungsglas (aufmerksamer, bedachtsamer, jedes Wort prüfender Aufnahme) das Mehrfache ihres scheinbaren Inhalts enthielt. Ich hatte nichts getan, um das zu erleichtern. Im Gegenteil, selbst die Interpunktion gliederte den Inhalt nicht für den Leser, sondern nur für das gewählte Gesetz. Ich habe sogar eine vorsichtige, liebenswürdige u kluge Bitte des Verlegers eigensinnig abgelehnt.
Für mich entstand ein großer Mißerfolg daraus.
Wieder zeigt sich, was so oft geschieht, das Erstlingswerke [gemeint ist der Törleß] Blendwerke sind: schrieben die, denen ich schon anfangs nicht gefallen hatte. Schrieben, die ein Erlebnisbuch begrüßt hatten. Schrieben aber auch die meisten meiner Gönner. Mir sind im ganzen Leben sehr wenig Menschen begegnet, die gespürt hatten, was dieses Buch sein solle u. gewiß zT. auch ist.
Es ist das einzige meiner Bücher, worin ich heute noch manchmal lese. Ich ertrage keine großen Stücke. Aber ein bis zwei Seiten nehme ich jederzeit – abgesehen von bestimmten schmerzlichen Ausdrucksmängeln – gern wieder auf.“
 

 

 

 

Im Folgenden artikuliert Musil den „in den Vereinigungen angebahnte[n] Weg“ einer Dichtung qua „Sinngebung“, ein der Religiosität, genauer der „empirischen Religiosität“ verwandtes Unterfangen. Dichtung ist für Musil „lebendiges Ethos“, gegen die Starrheit von Weltanschauungen gerichtete fragmentarische „Lebensgebung“. Auch dort, wo es in Literatur scheinbar um Psychologisches geht, grenzt Musil die beiden Sphären gegeneinander ab. In diesem Kontext finden sich Überlegungen zum dichterischen Prinzip der Vereinigungen.

„Persönlich bestimmend war, daß ich von Beginn an im Problem des Ehebruchs das weitere des Selbstverrats gemeint hatte. Das Verhältnis des Menschen zu seinen Idealen.
Wie immer aber: ich war nicht determiniert. Ich hatte so viel Ursache einen bestimmten Ablauf wie viele andere zu beschreiben.
Da bildete sich in mir die Entscheidung, den ‚maximal belasteten Weg‘ zu wählen/ den Weg der kleinsten Schritte / den Weg des allmählichsten, unmerklichsten Übergangs/.
Das hat einen moralischen Wert: die Demonstration des moralischen Spektrums mit den stetigen Übergängen von etwas zu seinem Gegenteil.
Es kam aber hinzu u. entschied ein anderes Prinzip. Ich habe es das der ‚motivierten Schritte‘ genannt. Seine Regel ist: Lasse nichts geschehen (oder: tue nichts), was nicht seelisch von Wert ist. D.h. auch: Tue nichts Kausales, tue nichts Mechanisches.
[...]
In der Tat sind die Ver. (Claudine) ein aufs genaueste ausgeführtes Vorerleben ohne tote Strecke. Ein Erleben, das scheinbar durch den leisesten Hauch von außen bewegt wird, im Entscheidenden von außen aber ganz unbeweglich ist.“

 

 

Im onomato Verlag ist die Lesung dieser beiden Erzählungen als Hörbuch erschienen:

 


  1. Robert Musil: Vereinigungen. Zwei Erzählungen: Die Vollendung der Liebe und Die Versuchung der stillen Veronika

    Robert Musil: Vereinigungen. Zwei Erzählungen: Die Vollendung der Liebe und Die Versuchung der stillen Veronika

    Volltextlesung von Axel Grube.

    4 CDs (247 Min.) in preisgünstiger Ausgabe

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