Eine biografische Skizze

Robert Musil: Eine biografische Skizze

 

 

 


Robert Musil

 

 

Musil am Schreibtisch

 

„Ich bin geboren am 6. November 1880 in der österreichischen Stadt Klagenfurt, Hauptstadt des Landes Kärnten. Mein Vater, Alfred von Musil, später durch lange Zeit bis zu seinem Tode Professor des Maschinenbaus der Technischen Hochschule in Brünn, war damals als Ingenieur in einer Fabrik tätig. Meine Kindheit habe ich aber in der alten Stadt Steyr in Oberösterreich verlebt, wohin mein Vater inzwischen übersiedelt war, um eine staatliche technische Schule zu leiten. Als ich etwas über zehn Jahre alt war, zogen wir nach Brünn. Ich besuchte dort die Realschule weiter, die ich in Steyr, wo es kein Gymnasium gab, begonnen hatte, und ich erinnere mich, daß in seiner Weise der Eindruck nicht unbedeutend war, den ich dadurch empfing, daß ich aus der alpischen Natur kam, die Landschaft und Menschen in Steyr eigentümlich war, und mich sowohl in der sanften und etwas melancholischen Landschaft Mährens fand wie zwischen Menschen, die mir beinahe noch fremder vorkamen, wenn sie Sudetendeutsche waren, mit denen ich sprach, als zu den Tschechen gehörten, neben denen wir ohne Berührung herlebten. Ich muß hier einschalten, daß ich selbst zur Hälfte sudetendeutscher Abkunft bin und zu einem Viertel, worauf auch mein Name hinweist, tschechischer. Die Musil, von denen ich stamme, sind ein sehr altes tschechisches Bauerngeschlecht in Mähren, aber mein Großvater war ausgewandert, Arzt geworden und hatte bei Graz ein Landgut erworben, auf dem mein Vater und seine Geschwister als unverkennbare Grazer aufgewachsen waren, beinahe ohne etwas von ihrer Herkunft zu wissen.
Meine Vatersmutter stammte aus Salzburg.
Meine eigene Mutter aus Linz an der Donau, der Hauptstadt Oberösterreichs. Ihr Vater war dahin beim Bau der ersten europäischen Eisenbahn, der zwischen Linz und Budweis, aus Böhmen gekommen und als Leiter dieser Bahn dort geblieben, auch noch im Ruhestand und bis zu seinem Tode; auch seine Frau, meine Muttersmutter, stammte aus Deutschböhmen. Ihrer beider Familien, Bergauer und Böhm, beide auch geadelt, hatten gerade so wie sie den Zusammenhang mit der Heimat verloren und sich über das ganze Gebiet der Monarchie zerstreut. So war es ein Zufall, der uns in die Nähe des Ausgangspunktes zurückführte; keinerlei Überlieferung und Wunsch verband meine Eltern mit ihm, und sie waren nicht froh darüber, daß sie ihr Schicksal von dort nicht mehr fortließ.  Ich selbst bin mit ungefähr zwölf Jahren von beiden wieder fortgekommen und in einem Offizierserziehungsinstitut untergebracht worden. Die Gründe dazu will ich übergehen und führe nur an, daß einer darunter der dringende Wunsch des ungebärdigen Knaben war, der sich etwas großmannssüchtig mit schon gewonnener Selbständigkeit schmeichelte, wenn er der milden elterlichen Aufsicht entrückt würde. Denn gerade dieser affektive Antrieb sollte alsbald seinem weit stärkern Gegenteil Platz machen.“

 

Robert Musil wird am 6. November 1880 in Klagefurt als einziges Kind des Ingenieurs Alfred Musil und seiner Frau Hermine geboren. Durch die berufliche Veränderung des Vaters siedelt die Familie bald (1881) um nach Komotau in Böhmen, dann nach Steyer (Oberösterreich) und schließlich 1891 nach Brünn, an dessen Technischer Hochschule Alfred Musil als Professor beschäftigt wird. Karriere und berufliche Sicherheit waren aber nicht nur die Ideale des Vaters in Bezug auf sich selbst. Auch seinen Sohn wollte er im gesicherten Staatsdienst beschäftigt wissen, weshalb Roberts Zukunft schon früh auf den Offiziersberuf hin angelegt ist. Nach der Volkshochschulzeit und einem kurzen Besuch des zivilen Realgymnasiums wird er auf die als Internat geführte militärische Unter-, dann Oberrealschule geschickt, nach deren Absolvierung er sich 1897 an der technischen Militärakademie in Wien immatrikuliert. Alles sieht danach aus, als hätte der 17-Jährige den väterlichen Wunsch verinnerlicht, doch schon drei Monate nach der Immatrikulation, wechselt Musil plötzlich zur zivilen Hochschule in Brünn, schreibt sich für den Studiengang Maschinenbau ein, den er 1901 mit der Ingenieurstaatsprüfung beschließt. Nach einem Freiwilligen-Jahr im Militärdienst nimmt Musil eine Assistentenstelle an der Technischen Hochschule in Stuttgart an, gibt diese aber bereits nach einem Jahr wieder auf und beginnt mit dem Studium der Philosophie. In Berlin hat er die Möglichkeit, Dilthey und Simmel zu hören, des ersten sowie Cassirers Erkenntnisphilosophie, des letzten Lebensphilosophie kennenzulernen. Ebenso setzt er sich mit der in den Anfängen stehenden Gestaltpsychologie auseinander, bei deren Mitbegründer Carl Stumpf er 1908 seine Promotion „Beitrag zur Beurteilung des Lehren Machs“ einreicht. Musil liest viel während seiner Studienjahre, er liest Emerson, Maeterlinck, d`Annunzio, Grillparzer, Hamsun, Hauptmann, Tieck, fühlt sich insbesondere von Nietzsche, Hofmannsthal, Dostojewski, Gide und Proust angesprochen - und dichtet darüber hinaus selbst. Er vollendet und veröffentlicht den in Stuttgart begonnenen Törleß und bringt darüber hinaus zahlreiche Entwürfe z.B. zur Tonka-Novelle, zu dem Drama Die Schwärmer und den Vereinigungen zu Papier.   Schließlich lernt er in diesen Jahren (1906) seine zukünftige Lebensgefährtin, die Malerin Martha Markowald, geborene Heimann, kennen, die er 1911, im Erscheinungsjahr der endlich vollendeten Vereinigungen, heiraten wird. Nach zwei gescheiterten Ehen, dem frühen Tod ihres ersten Mannes und dem Unglück in der zweiten Bindung, hat die aus einer jüdischen Familie stammende Kaufmannstochter Martha ein enormes Harmoniebedürfnis entwickelt, das sie Konflikte vermeiden lässt. Im Konkreten bedeutet dies, dass die als sehr belesen, belesener als Musil, Geschilderte ihrem Mann das Alltagleben erleichtert, indem sie ihm viele Entscheidungen, z.B. die Wahl der Speise im Restaurant, abnimmt sowie die Bezahlung der Rechnung übernimmt. Martha wird auch die finanziell knappsten Jahre ihrem Mann zur Seite stehen.

Anders verhält es sich mit Roberts Vater Alfred Musil, der, nachdem Robert das zweite Studium absolviert und die Möglichkeit einer Universitätslaufbahn ausgeschlagen hat, seinem Sohn 1911 eine Anstellung als Bibliothekar in Wien verschafft. Musil allerdings empfindet diese Aufgabe als dergestalt unerträglich, dass er, nach einem längeren Krankenurlaub in Italien, 1914 die Stelle aufgibt und sich nach Berlin begibt. Hier ist er bis zu seiner Einberufung und Abkommandierung nach Südtirol als Redakteur bei der „Neuen Rundschau“ beschäftigt, eine Tätigkeit, die er nach zwei Jahren Adjutantendasein während des Kriegs bei der „Soldatenzeitung“ in Bozen, daraufhin bei der Wochenzeitung „Heimat“ in Wien aufgreifen kann. Nach dem Krieg arbeitet Musil für den Pressedienst des Österreichschen Außenministeriums. Zwar wird ihm hier eine Beamtenstelle im Rang eines Obersten angeboten, doch Musil lehnt ab und übernimmt eine Archivtätigkeit, die er nach kaum einem Jahr kündigt. Als er dann auch noch seine Stelle beim Heeresministerium (19201922) verliert, zieht Musil sich endgültig vom Arbeitsmarkt zurück. Ab Ende des Jahres 1922 lebt das Ehepaar von den spärlichen schriftstellerischen Erträgen, von der Subventionierung seitens der Verleger, von den Geldern der eigens für Musil gegründeten Gesellschaften – die Musil-Gesellschaft in Berlin und dem Robert Musil-Fond in Wien – sowie von privaten Zuwendungen.

Leicht gefallen ist Musil die Entscheidung gegen eine feste Anstellung und damit gegen finanzielle Absicherung kaum. Ihm muss klar gewesen sein, dass er weder seinen Lebensstandard – gutes Essen, teure Kleidung, häufige Cafébesuche, fester Wohnsitz – noch seine Unabhängigkeit würde wahren können. Doch seine Scheu vor Festlegung und vor allem seine Schriftstellertätigkeit lassen keine weitere Bindung zu.

Schreiben allerdings ist für Musil kein Vergnügen, sondern stets einen Kraftakt an Selbstbeherrschung und kontinuierlicher Hartnäckigkeit. Dies gilt vor allem im Hinblick auf seinen Roman Der Mann ohne Eigenschaften, mit dem Musil seit den 20er Jahren ringt. Zwar bestehen zu diesem Zeitpunkt schon zahlreiche Skizzen, doch Musil tut sich schwer, die Pluralität des Ideenmaterials zu synthetisieren. Nur langsam geht die Arbeit voran, nimmt das Material Gestalt an, und als der erste Band 1930 endlich erscheint, ist Musil ein vom Schreibkampf gezeichneter Mann. „Geistig und moralisch erschöpft“, gesundheitlich angeschlagen (Schlaflosigkeit, Herzprobleme) reist er nach Berlin, dessen Anonymität er als heilsam, dessen pulsierende Aktualität er als kreativitätsfördernd erlebt. Und in der Tat tut die Luftveränderung ihre Wirkung: Ein Jahr später erhält Rowohlt die Manuskripte zum zweiten Band des MoE.

Als Musil 1933 zurückkehrt nach Wien, wird er noch 9 Jahre zu leben haben, er wird am „Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur“ in Paris teilnehmen (1935), vor einem Publikum von 400 Zuhörern den Vortrag Über die Dummheit halten (1937), er wird den – wie der MoE in die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ aufgenommenen – Nachlaß zu Lebzeiten publizieren (1838), doch sein Hauptanliegen, die Vollendung des MoE, erfüllt sich nicht. Wieder befallen ihn Schreibprobleme, dazu gesellt sich die labile Gesundheit, der Schlaganfall von 1936, die bedrückenden finanziellen Verhältnisse und schließlich der Krieg, der Musil ins Exil, zuerst nach Zürich (1938), dann nach Genf (1939) zwingt. Hier isoliert er sich beinahe völlig, meidet vor allem Schriftstellerkollegen und nimmt nur zu wenigen Menschen Kontakt auf. Zu diesen Auserwählten gehört der 27 Jahre jüngere Bildhauer Fritz Wotruba sowie der protestantische Pfarrer Robert Lejeune, der das Ehepaar finanziell unterstützt und Musil damit das Schreiben ermöglicht. Und tatsächlich: Musil arbeitet weiter am MoE, wenn auch inzwischen zunehmend entmutigt. Er ist von Versagensgefühlen geplagt und zwingt sich dennoch täglich an den Schreibtisch, so auch am Tag seines Todes, als ihn mittags der Gehirnschlag trifft.

 

Interessante Links zu Robert Musil:


Die Seite der Internationalen Robert-Musil-Gesellschaft hält zahlreiche Materialien zu Musil bereit, so auch Rezensionen zu  neuesten Veröffentlichungen zu Robert Musil: www.musilgesellschaft.at/index.html

 

Die Website des Robert-Musil-Museums in Klagefurt – dem Geburtsort Musils – bietet unter anderem eine Kurzbiografie Robert Musils: www.musilmuseum.at/

 

Die Freie Universität Berlin stellt eine umfassende Linksammlung zu Musil bereit: ub.fu-berlin.de

 

 


       

 

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Der Inhalt des Dargestellten beruht auf folgenden Schriften: W. Berghahn: Robert Musil. Reinbek bei Hamburg 1963; T. Pekar: Robert Musil zur Einführung. Hamburg 1997. R. Willemsen: Robert Musil. Vom intellektuellen Eros. München 1985.

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