Música Chilena

Música Chilena

 

Chile feiert im Jahr 2010 sein Bicentenario, das 200. Jubiläum seiner Gründung, seine Musikkultur aber ist um Jahrhunderte älter. Zurückverfolgen kann man sie bis in die Zeit der Inkas, die vor rund 550 Jahren versuchten, das heutige Chile zu erobern. Doch ihr Vorhaben scheiterte: Am Rio Maule stießen die Inkas auf den unüberwindlichen Widerstand der Eingeborenen, der Mapuche.

Diese hatten dann allerdings kaum 100 Jahre später den Waffen der einwandernden Spanier nichts entgegenzusetzen und unterlagen ihnen. Ihre Kultur allerdings verteidigten die Mapuche bis heute. So überlebte ihre indigene Musik, eine Musik, die, wie der Komponist und Professor an der Universidad de Chile, Eduardo Caceres, feststellt, „versucht, Kontakt zu knüpfen zu Menschen, die an die Spiritualität des menschlichen Wesens appelliert“.

Beherrschend für die nächsten 250 Jahre wurde jedoch die spanische Kultur. Die spanischen Einwanderer brachten fremde Instrumente und Klänge ins Land. Vor allem die strenge Form des spanischen Katholizismus und die mit ihm ins Land kommenden religiösen Orden nahmen Einfluss auf die chilenische Musik. Aus Barcelona zum Beispiel kam der wichtigste Komponist der Kolonialzeit: José de Campderrós, Kapellmeister der Kathedrale in Lima, dann der in Santiago. Als erster in Chile komponierte er im Stil der europäischen Vorklassik.

 

 José Quilapi 

José Quilapi, der vielleicht berühmteste heute lebende Mapuche Chiles

     

Mit dem Ende des 18. Jahrhunderts endet auch Chiles Kolonialperiode. Ab 1818 ist die Unabhängigkeit Chiles endgültig gesichert. Die bürgerliche Gesellschaft beginnt sich von dem bislang kulturell dominierenden Spanien zu emanzipieren. Chile öffnet sich anderen europäischen Kulturen. Das Musikleben erhält starke Impulse von Einwanderern aus ganz Europa – neben solchen aus der ehemaligen Kolonialmacht Spanien vorwiegend von Italienern, aber auch von Dänen, Franzosen und Deutschen. Von prägender Bedeutung sind dabei Kontakte zwischen Förderern säkularer Musik und jenen Kapellmeistern, die für den religiösen Part verantwortlich sind – die der Kathedrale von Santiago. Zwei von ihnen sind unbedingt bemerkenswert, sie wirkten nacheinander von 1846 bis 1874 als Kapellmeister: José Bernardo Alzedo und José Zapiola Cortés.

Und auch Isidora Zegers y Montenegro ist als Symbolfigur für die kulturelle Emanzipation Chiles unbedingt nennenswert. So bemühte sie sich darum, ein eigenständiges Musikleben in Chile zu etablieren. Sie veranstaltete sogenannte Tertulias, die chilenische Variante der in der europäischen Klassik und Romantik aus dem Boden sprießenden Salons, eines Ortes, an dem sich die Intelligenz und Künstlerschaft zu gesellschaftlichen Treffen zusammenfand.

Weiterhin beeinflussten Federico Guzmán Frías – ein Vertreter der „Música Romantica“ –, José Zapiola Cortés – Förderer des Genre Oper –, Eleodor Ortiz de Zaraté und viele andere die chilenische Musikkultur des 19. Jahrhunderts entscheidend.


Domingo Santa Cruz

Pablo Aranda

 

 

  Domingo Santa Cruz (links)

und

Pablo Aranda (rechts)

 

 

 

isidora zegers

Isidora Zegers y Montenegro

 

Guzman

Federico Guzmán Frías


   

Música Chilena erlebt im 20. Jahrhundert einen Aufschwung durch eine Vielzahl bedeutender Komponisten. Zu ihnen gehören: Enrique Soro, Alfonso Leng, Humberto Allende, Carlos Isamitt. 1917 etablierte sich zudem eine für die Música Chilena bedeutsame Organisation als Chor: „La Sociedad Bach“. Ihr Gründer war Domingo Santa Cruz, der sich fest vorgenommen hatte, Chiles Musikleben zu erneuern, ein Quartett, ein Orchester sowie eine Musikzeitschrift zu gründen und dem chilenischen Publikum die Polyphonie der Renaissance nahe zu bringen (das Weihnachtsoratorium von Bach wird in Chile uraufgeführt). Weniger im Fokus der Öffentlichkeit als „La Sociedad Bach“ realisierte die „Grupo des lo Diez“ („Gruppe der Zehn“) unter Alfonso Leng ihr Ziel, engagierte Schaffende des Kulturlebens zu versammeln.

Weitere Gestalten sind für die neuere chilenische Musikkultur von Bedeutung: als Vermittler zwischen den Musikkulturen Cirilo Vila, sein Schüler Alejandro Guarello, heute Direktor am Instituto de Musica der Pontificia Universidade Catolica de Chile, und Violeta Parra, die Volkslieder sammelte und so versuchte, die authentische Volkskultur vor dem Vergessen zu retten. In Luis Advis Werken mischen sich oft Elemente lateinamerikanischer und europäischer Musiktradition, das „Neue chilenische Lied“ identifiziert sich mit Advis’ Kantate, Victor Jara gibt sich in seinen Texten gesellschaftskritisch, Oscar Ohlsen und Rolando Cori Traverso beleben nicht nur die Gitarristenszene Chiles. Und zu guter Letzt ist da natürlich die „Cueca Urbana“, die Musikkultur der Jugend, die von Figuren handelt, die am Rande der Gesellschaft stehen. Sie gibt den Heranwachsenden das Identitäts- und Gemeinschaftsgefühl, das Halt bietet in einer globalisierten Welt.

 

guarello

Alejandro Guarello

 

 

     

 

 


 

Der Autor K. Wiernicki lebt in Köln und Rom. Er produzierte und moderierte über viele Jahre Musiksendungen für das deutsche und italienische Radio. Seit elf Jahren begeistert sich Wiernicki für die Musik Südamerikas. Alljährlich besucht er den Kontinent, lernte (fast) alle Länder kennen – sowie zahllose Musiker. Für die WDR-Sendung „Musikpassagen“ schrieb er unterhaltsame und lebendige Reportagen.
Als erstes in der Reihe „Die Musik Südamerikas neu entdecken“ erschien 2009 das Hörbuch „Brasilien ohne Samba“ (4 CDs), der brasilianischen Musik gewidmet. Seine chilenischen Recherchen bezogen sich auf jene Musik, die für Europäer immer noch im Schatten bleibt. Wiernicki  dürfte  jene Hörer überraschen, die bis jetzt nur „Musica Andina“ oder „La Nueva Canción Chilena“ kennen. Diese begleitet der Autor durch eine von Musikbeispielen untermalte Kulturgeschichte des Landes. Wiernickis Spurensuche orientiert sich zwar an der E-Musik, aber in ihr spiegeln sich uralte Riten und Mythen des endlos scheinenden Landes mit seiner 4.500 Kilometer langen Pazifikküste. Bei heute noch zelebrierten religiösen Festen werden Harmonien, Melodien, Instrumente hörbar, die hierzulande kaum jemand kennt.
Der Autor spricht selbst. Er versteht seine Rolle nicht als die des Lehrenden. Erzählend möchte er Hörer dazu animieren, seine musikalische Spurensuche mit eigener Neugier fortzusetzen.

 

 


 

 

 

 

 

krzyztof wiernicki

Autor und Sprecher: Krzysztof Wiernicki

  1. Musica Chilena

    „Vom Ende der Welt“ – Música Chilena

    In der Reihe „Die Musik Südamerikas neu entdecken“. Zusammengestellt, kommentiert und vorgetragen von Krzysztof Wiernicki. 4 CDs (295 Min.) im DigiPack.

    Mehr erfahren
    22,80 €
    inkl. 19% MwSt.
    Lieferzeit 2-3 Tage

1 Artikel

pro Seite

In absteigender Reihenfolge
  Loading...