Vortrag von Reiner Stach Die Originaltexte las Axel Grube. Begrüßung: Beate Scherzer
Kurze Audio-Mitschnitte von dem Abend
(Der Storch im Zimmer)
(Der Nachbar)
An der Spitze unseres literarischen Kanons thront Franz Kafka, und jeder deutschsprachige Gymnasiast vernimmt zumindest einmal den Sound dieses Autors. Dennoch beruht die Kenntnis von Kafkas Werk meist auf einer äußerst schmalen Auswahl seiner Texte. Und selbst Literaturkennern stehen vor allem Alpträume vor Augen, wenn sie an Kafka denken. Ein ganz anderes, farbigeres Bild erscheint, wenn man die zahlreichen literarischen Fragmente, die Tagebücher und Briefe Kafkas mit einbezieht. In all diesen Genres hat sich seine sprachliche Produktivität entfaltet, und erst in der Gesamtschau werden viele Facetten sichtbar, die mit seinem asketischen und düsteren Nimbus als eigentlich unvereinbar gelten. Das betrifft vor allem seinen Humor, der bei Kafka in fast allen denkbaren Variationen vorkommt.
„Kafkas Spiele“ ist ein vom Kafka-Biografen Reiner Stach zusammengestellter Abend: eine kleine Kreuzfahrt durch den ebenso umfangreichen wie verwinkelten Nachlass Kafkas. Dabei gibt es einen Kafka zu entdecken, der offenbar Freude hat am Spiel mit Formen, Einfällen und Pointen.
Reiner Stach, geboren 1951 in Rochlitz (Sachsen), studierte in Frankfurt Philosophie, Literaturwissenschaft und Mathematik. Ende der neunziger Jahre begann er mit der Arbeit an einer großen Kafka-Biographie. Zwei von drei Bänden sind mittlerweile im S.Fischer Verlag erschienen: Kafka. Die Jahre der Entscheidungen und Kafka. Die Jahre der Erkenntnis.
Axel Grube ist Verleger und Autor des Hörbuchprogramms des onomato Verlags. Nach einem Studium arbeitete er als Musiker und Musikproduzent und seit mehr als 10 Jahren auch als Berufssprecher.
Beate Scherzer begann ihre Buch- handelskarriere 1968 in Karlsruhe. 1983/1984 Besuch der Mimenschule Lecoq in Paris; bis 1990 als Schauspielerin freie Theaterarbeit beim Zelt-Theater „Fliegende Bauten“.
Seit September 1990 Mitgründerin und Geschäftführerin der Buchhandlung im Grillo-Theater in Essen, seit 2005 "proust Wörter + Töne". In den letzten Jahren Organisation und Abwicklung der Büchertische bei allen großen Theater-festivals (Ruhrtriennale, Mülheimer Theatertage usw.) im Ruhrgebiet. Management, Organisation und Moderation von über 400 Lesungen, Buchvorstellungen und Matinéen.
In der Reihe: Kafkas Bibliothek Der Prager Kreis und die Frage nach dem freien Willen
Freitag, 15.04.2011 19:30 Uhr Veranstaltungsort: Heinrich-Heine-Institut, Bilker Str. 12
Vortrag und Gespräch von und mit Axel Grube und Dr. Marco Sorace
Auf verschiedene Art und Weise waren die Freunde des engeren Prager Kreises mit der alten Frage nach der Willensfreiheit des Menschen befasst. Felix Weltsch mit seinem frühen philosophischen Werk "Gnade und Freiheit", Max Brod mit vielen literarischen Bezügen zum "Problem Nummer Eins" – und Franz Kafka mit der hohen Kunst der Aporie. In dem Vortrag und Gespräch wird die Frage, auch im Zusammenhang mit der Situation der jüdischen Literaten und Philosophen in Prag und Wien allgemein, dargestellt und erörtert. "Wie die Entwicklung des Geistes, dieses Durchbrechen der Freiheit vor sich geht, hat Weltsch in wunderbarer Weise dargetan; seine Unterscheidung von tiefem und flachem Wollen, seine Lehre vom ladenden Willen, seine Polemik gegen die, welche sagen: "Ich kann nicht" (…) – diese Lehre von Felix Weltsch ist so erhaben tröstend, so zuversichtlich, so im besten edelsten Sinne jüdisch, daß jeder Auszug, den ich versuchen würde, ihre Wirkung herabsetzten müßte." (Hugo Bergmann: Gnade und Freiheit. Bemerkungen zum Buche Felix Weltschs. In: Der Jude, Jg. 6 (1921) Nr. 1, S. 69–71)
Abraham aus islamischer Sicht. Ein Beitrag zur abrahamitischen Ökumene
Samstag, 09.04.2011 20 Uhr / onomato ev
Vortrag von Dr. Hortense Reintjens-Anwari und Gespräch
Gewöhnlich werden Judentum, Christentum und Islam als "abrahamitische" Religionen bezeichnet, da sie darin übereinkommen, sich auf Abraham als Stammvater zu berufen. Solche Gemeinsamkeit liefert, so kann man sich denken, zwischen diesen Religionen den Ansatz eines Trialogs, der sich besonders hierzulande aus mehreren Gründen aktuell aufdrängt. Die Referentin beleuchtet diesbezüglich islamische (vor allem sufische) Perspektiven auf den Patriarchen, die in ihm "die Urverbindung, die Urreligion" eines jeden wahrhaft Gläubigen mit dem einzigeinen Gott verbürgt sehen. Für viele sicher überraschend, eröffnet sich in den von Dr. Reintjens-Anwari zitierten Texten aus Koran und Sufitum eine lange Tradition einer interreligiösen Annäherung von Juden, Christen und Muslimen als die eine Gemeinde im Haus des Abraham.
Ich muss in die Weite, so weit es geht." Karl Wolfskehl und Margarete Susman im Briefwechsel
Donnerstag, 31.03.2011 20 Uhr / onomato
Vortrag von Professor Dr. Daniel Hoffmann, Lesung und Gespräch.
Der Briefwechsel zwischen dem Dichter Karl Wolfskehl und Margarete Susman, Philosophin und Dichterin, beginnt 1934. Wolfskehl befindet sich im Exil in Italien. Im Gespräch über seine jüdischen Gedichte "Die Stimme spricht" wird das Ringen um die Bewahrung des Geistes sichtbar. Im jüdischen Schicksal im Dritten Reich erkennen beide eine Chiffre für den Verrat Deutschlands am Geist. Lesung ausgewählter Passagen aus dem Briefwechsel und dem lyrischen Werk der beiden, begleitet von einem literaturhistorischen Kommentar (Daniel Hoffmann). Anschließend Publikumsgespräch.
Zu den Quellen einer Verantwortungsethik bei Hans Jonas. Erinnerung an einen jüdischen Philosophen aus Rheydt
Ermutigt von einer poetischen Form der Philosophie bei Plato, erzählt Hans Jonas in "Der Gottesbegriff nach Auschwitz" in einem "selbsterdachten Mythos" von einem "werdenden Gott". Machtlos und ohne Ziel, aber begabt mit einem kosmogonischen Eros der Entwicklung ist das göttliche Sein der Verantwortung des Menschen überlassen. Er greift damit ältere Ideen der lurianischen Kabbala von der Kontraktion Gottes (Zimzum) auf und stellt die Verantwortung des Menschen so besonders heraus. Der Vortrag nimmt Bezug auf drei Reden von Jonas ("Wissenschaft als persönliches Erlebnis").