Rabowski, Rainer - Erste Lieben

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Rainer Rabowski: Erste Lieben - 5 Erzählungen Aber vielleicht sind alle Lieben erste... mehr

Rainer Rabowski: Erste Lieben - 5 Erzählungen

Aber vielleicht sind alle Lieben erste Lieben. Und in jeder ist man immer wieder radikal allein. 

Sonntage tippe ich auf den mir im Dunkeln milchweiß leuchtenden Schirm. Es muss etwas an diesen Sonntagen sein. Totenhaus Sonntag. Deutschland, Sonntagsstaat. Alle früheren, wie zur finalen Stille erpresste Sonntage fallen mir ein, Sonntage mit schwerem Essen, mit Fernsehgemurmel, mit auch zur Hoch-Zeit des Tages langen Schatten wie aus einer anderen Epoche in dem verhangenen Zimmer für einen Mittagsschlaf. Später eine behäbige Spaziergängerei vorbei an Musterküchen-Schaufenstern und ausgeräumten Kachelauslagen von Metzgereien. Wo ist das Blut? Einmal in der Woche wird man lebendig zu Grabe getragen.

Doch zuerst kommt noch so eine beruhigte Vorortgegend mit Wohnanlagen und Gärten, darin hinter Rotdornhecken höchstens Kaffeetische klirren in einem ewig unruhigen Hundetraum. Gleich kommt der Besuch. Tante Zarah klaubt die toten Bienen aus der Torte.

Und Sonntage, denkt man: Wozu braucht die Bourgeoisie die Verzweiflung? Unausweichlichkeit, Tretmühle des Sonntags. Gottverlassene Trottoirs, Anrufung niemands, denn der Freiwilligen zur Feier der Gramseligkeit. Was kaum auszuhalten ist, scheint eben das Zu-nichts-gedrängt-Sein, das Gespenst der Freiheit, das Grundlose wie das Beharren auf eine an sich selber irre werdende Traurigkeit ganz auszukosten. Zum Trotz.

Doch ich übertreibe. Früher noch war das so, in der Kindheit, wenn auch die wenigen Lebensfertigkeiten auf einmal wieder abgeschnitten waren, weil man zu Hause zu sein hatte, auf sich selbst zurückgeworfen, in undurchdringliche Langeweile gesperrt - für manche reicht ein Leben nicht zum Begreifen, dass sie für ihre inneren Abenteuer selber verantwortlich sind. Doch reichte das bei mir teils bis in die ersten Jahre im Beruf, als ich, wenn es mich dazu trieb, oft auch noch sonntags die selben Wege in die Stadt nahm, um auch mal die Rückseiten des Alltags zu sehen. Der ebenso undurchdringlich sein mag, aber zumindest in Tätigkeit vergeht. Wenn die auch ebenso zweifelhaft ist. Der Skandal scheint, dass Besinnung nicht viel beiträgt zur Durchdringung der eigenen Existenz.

(Aus der Erzählung „Sonntage“) 

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