Das Schweigen der Sirenen

Beatrice Sasha Kobow on 26. September 2012 at 11:45 said:

Zum Tee bei Kafka? Versuch der Verführung eines Unverführbaren

Mein viel bewunderter Lehrer war einmal zum Tee bei Samuel Beckett eingeladen. Nun müssen Sie wissen, dass dies fast ein Ding der Unmöglichkeit ist. Das Haus von hohen Mauern streng bewacht, kein Klopfer, kein Summer, kein Einlass. Wie denn dann? Mein Lehrer hatte dem Meister einen Brief geschrieben. Von diesem Brief so gerührt, schickte dieser aus Paris eine Postkarte. Darauf nur: Datum und Uhrzeit. Eine Einladung. Nun wollen Sie wissen, was in diesem Brief stand? Mehr davon später.
Das Schreiben war in diesem Fall und ist wahrscheinlich immer, der Versuch einer Verführung. Wenn ich heute einen Kommentar zu Kafkas “Das Schweigen der Sirenen“ schreibe, so auch, um eine – wenngleich nicht mehr wirklich realisierbare – Einladung zum Tee bei Kafka zu erhalten.
Das ist schwierig. Ein noch unmöglicheres Ding der Unmöglichkeit als bei S. Beckett, scheint mir. Die diegetischen Räume des Kafka sind immer hermetisch geschlossen. Wir schauen wie die Voyeure hinein in die Welt hinterm Spiegel, aber Aufschluss gibt sie uns nicht. Da ist kein Tor, kein Weg, keine Weise. Auch ‚Das Schweigen der Sirenen‘ singt uns davon ein bittres Lied.
Der kurze Text ist zweierlei Genres verpflichtet. Er ist einmal eine Logelei, zum zweiten eine Mythen-Erzählung. Die Logelei ist er, da er sich räsonierend gibt. Gleich zu Beginn verweist er elliptisch auf seine eigene Art – der Text sei ein Beweis. Dann gefällt er sich in selbst-reflexiven Wendungen wie „um es so auszudrücken“ oder „gewissermassen“. Der Text wählt dabei eine ‚reine Form‘, d.h. nur die Elemente des Mythos, wie er uns und F.K. geläufig ist, werden variiert, nichts anderes kommt hinzu. Wir sehen also keine Anwendung des Kanon, sondern eine Spielerei mit seinen gleichsam ‚logischen‘ (man könnte auch sagen: formalen) Komponenten – eine Variation zur Konstellation, die vor allem das Bewusstsein als unsichere Größe mit einbezieht. Darum ist er zwar Mythen-Erzählung, aber zugleich Mythen-Erneuerung und Kritik. Was bisher angenommen wurde, so wird uns hier in aufklärerischer Geste dazuerzählt, z.B. dass Wachs und Ketten gegen die Sirenen helfen könnten, das ist ja lächerlich falsch. Zusammen mit dem Mythos wird seine Rezeption behandelt, also das, was wir darüber wissen. Der Mythos wird weitererzählt: Die Sirenen haben noch eine schlimmere Waffe als Gesang, nämlich ihr Schweigen. Ihr Schweigen bringt die Menschen durch Selbstüberhebung zu Fall. Die Sirenen bezwingen die ganz standhaften Helden durch die Hebelkraft der ‚Hybris‘, wie wir sie aus anderen antiken Mythen kennen.
Die beiden Genres kulminieren in dem Moment, in dem das, was da von Odysseus erzählt wird, gar keinen logischen Sinn im Sinne des traditionellen Mythos ergibt. Kafkas Odysseus ist nur ein Nachahmer: Er kennt den Sinn der Handlungen seines Homerʼschen Vorbildes nicht mehr. Dessen Bravado drückte sich darin aus, dass er sicher sein wollte und trotzdem den Gesang der Sirenen hören. Der Kafkasche Odysseus will nur ganz sicher gehen. Er lässt sich an den Mast fest schmieden und stopft sich Wachs in die Ohren.
Die Aufklärungskritik (wie wir sie klassisch von Horkheimer und Adorno zu Odysseus kennen) macht aus Hybris und Listenreichtum bei Homer aus Odysseus den ermächtigten Menschen. Anders ist die Aufklärungskritik bei Kafka eine Kippfigur: Wir sehen im Text Figuren der Versicherung und dann der Doppelbödigkeit – der Text ein Beweis unseres falschen Wissens um den Mythos. Odysseusʼ finale Täuschung jedoch macht alles, unser falsches Wissen, Wachs und Ketten, das Schweigen der Sirenen, auch Odysseusʼ Einbildung, er sei vor ihnen sicher und die Umkehrung des Verlangens (nun sind es die Sirenen, die Odysseus begehren, der sie aber nicht mehr sieht), und Odysseus Glück des Dummen, der die schreckliche Gefahr durch seine Ignoranz besiegt, zu einem ‚Scheinvorgang‘. Sie nimmt das bis dahin Gesagte zurück. Odysseus war eben doch ein solcher Fuchs, dass er all dies vortäuschte. Alles Für und Wider im Text war umsonst. Ein eitles Spiel logischer Komponenten.
Was bleibt? Der Ernst hinter der Scharade möglicher Abwägungen zum Mythenstoff zeigt sich an zwei zentralen Stellen: einmal in der Formulierung „Odysseus aber, um es so auszudrücken, hörte ihr Schweigen nicht“ und später in der Feststellung, dass die Sirenen, hätten sie Bewusstsein gehabt, damals vernichtet worden wären. Dass Odysseus das Schweigen nicht hört, das ist erst einmal unlogisch. Darauf wird mit dem einschränkend selbstbezüglichen „um es so auszudrücken“ verwiesen, denn wo nichts wahrzunehmen ist, da gibt es auch keine Wahrnehmung. Hier konstruiert Kafka einen besonders raffinierten Fall der Trennung von Sinnesdatum und Apperzeption: Auch wenn der Sinneseindruck gar nicht da ist, kann dies doch als bestimmte Apperzeption, also begreifende Wahrnehmung, vom Bewusstsein interpretiert werden. So hört Odysseus das Schweigen. Zweitens wären die Sirenen durch die Nichtachtung, mit denen sie ganz unabsichtlich der entschlossene Odysseus straft, zugrunde gegangen. Die Kränkung, eine Inversion der Selbstüberhebung oder Hybris, hätte sie eben zu Fall gebracht, wären sie sich ihrer bewusst geworden. In beiden Fällen entscheidet also das Bewusstsein darüber, wie das Individuum in der Welt fährt.
Nur dein eigenes Bewusstsein kann dich vernichten. Das ist die Moral von der Geschichte. Und scheint mir auch die Moral vielerlei Kafka-Texte zu sein. Im Fall von Odysseus ist der Ausgang der Sache glücklich: Das Bewusstsein rettet Odysseus. In den meisten anderen Fällen vernichtet es den Helden.
Weil Inhalt und Form eins sind, ist es auch tatsächlich unmöglich, Kafka, diesen listigen Fuchs, zu verführen. Er bewegt sich immer in seinem geschlossenen System. Nicht so wie sein literarischer Komplize, Robert Walser, bei dem der Wahn sich immer an den Sinn der Welt koppelt und darum alles umfasst. So ist es bei Kafka der Schild der Vortäuschungen, der es selbst der Schicksalsgöttin verwehrt, in das Innerste des Odysseus/Kafka zu dringen, ihn aber auf sein Bewusstsein reduziert.
Wenn er gar die Schicksalsgöttin täuschen kann, warum ist dieser Mensch dann nicht ermächtigt und glücklich oder eben kindlich gerettet?
Wo Robert Walser kein Refugium in der Welt hat, da hat Franz Kafka keine (mit)teilbare Welt mehr, sondern nur noch Bewusstsein. Das Gesagte wird in sich selbst zurückgenommen. Es versagt sich selbst.
In seinem Brief an Samuel Beckett beschrieb mein Lehrer, Alfred Behrens, die wahrscheinlich wahre Geschichte, dass er selbst als junger Mensch alle seine Kinderbücher (d.h. den Glauben an die kindischen Mittel zur Rettung) in einem Antiquariat gegen ein zerlesenes Exemplar von Becketts erstem Roman „‚Murphy“ (das Bewusstsein vom Bewusstsein) eintauschte. Aber das bleibt unter uns.

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