Die Abweisung

Schon zu »Kafkas Zeiten« hatte das Einströmen von Informationen aller Art, von Plakaten, Filmen, Zeitschriften usw. stark zugenommen.
Das Paar, das sich in dieser Geschichte begegnet, vermag sich in der unmittelbaren Nähe gar nicht mehr wahrzunehmen. Hinter den Personen scheinen den Begegnenden jeweils, wie auf einer Kinoleinwand Projektionen auf, gegen die die doch jetzt »Vorhandenen« nicht bestehen können.

 

Reiner Stach on 5. August 2012 at 06:16 said:

Zu dieser Geschichte gibt es eine biografische Anekdote:
Kafkas Ferienbekanntschaft (Geliebte wäre zu viel gesagt) Hedwig Weiler schrieb dem 24-Jährigen, sie habe einen weiteren jungen Poeten kennengelernt, und von diesem legte sie ein Gedicht bei, das Kafka beurteilen sollte. Kafka äußerte sich darüber höchst ironisch und legte nun seinerseits ein Blatt bei, das sein “Konkurrent” lesen sollte. Auf dieses Blatt hatte er ausgerechnet “Die Abweisung” abgeschrieben.
Man würde wirklich gerne wissen, wie dieser Text bei seinen ersten beiden Lesern ankam. Dieses eiskalte wechselseitige Aufrechnen von sozialen und körperlichen Vorzügen, das eine “Tauschbeziehung” installiert, ehe es überhaupt eine “Beziehung” gibt … das dürfte schockierend gewirkt haben. Man muss dazu wissen, dass Hedwig Weiler eine “Linke” war, eine begeisterte Sozialdemokratin, die Kafka zum Vorwurf machte, er sei sozial desinteressiert. Dabei hatte er, wie dieses Beispiel zeigt, geradezu einen sozialen Röntgenblick.

 

herr.jedermann on 6. August 2012 at 20:00 said:

Sehr gut! Kannte ich gar nicht mehr, das Stück!

Aber nimmt dieses Paar sich nicht sehr wohl wahr? Mit eben dem von seinen Erwartungen / Wünschen Dazugegebenen, das dann aber fehlt? Und ist es nicht eine absolut moderne Abschlepp-Szene, mit Kafka als „Modisten“ (Taft-Kleid), mit den amerikanischen Bezügen auf der Höhe des heutigen Sexual Exchange Index, der dort – in den USA – eben auch die hoch-heiklen Regeln bei jeglichem Datingbestimmt?

Botho Strauß in „Paare Passanten“ fiel mir noch ein, der dann die gleiche Unleidlichkeit, zur Abwehr von Enttäuschung einander lieber zu verpassen, auf seine Weise mikrogenau zu bestimmen versucht. Es ist dann fast schon weniger eine genuine Abweisung als ein vorausschauendes Vermeidungsverhalten.

Zugleich könnte man das Stückchen in jede „JOY“ oder „Young Miss“ stellen – und immerhin die schöne Sprache brächte dort auch mal wieder Verwunderung.

(Und wozu stehen am Ende diese unmotivierten Tonfragmente?)

Bitte geben Sie die Zeichenfolge in das nachfolgende Textfeld ein

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.