Vor dem Gesetz

Vielleicht ist es überhaupt ungehörig, diese Geschichte zu deuten – oder ihr mit deutenden Überlegungen entgegenzutreten. Die »Türhüter-Legende« aus Kafkas Roman »Der Prozess«.
Ist es eine Bemerkung wert, daß diese Binnenerzählung, dieser Schlüsseltext innerhalb des Romans im »Dom«, K. von einem Geistlichen erzählt wird? Warum eigentlich? Oder hat es keine Bedeutung?
Eine Deutung scheint, von hier aus gesehen doch zumindest nicht abwegig zu sein; denn auch im Roman selbst setzen in dem Gespräch K.s mit dem Geistlichen schon Deutungs- oder Erklärungsversuche ein; sie sind schon Teil der Erzählung.
Ich möchte einen Gedanken anbieten: Nach dem »dieser-Eingang-war nur-für-dich-bestimmt« kann man vermuten, daß der »Mann vom Lande«, weniger von der Macht des Türhüters (der ja erst der erste Türhüter ist) am Eintritt gehindert wurde, sondern daß er selbst den eigentlich möglichen Schritt nicht wagt oder tut.
Es gibt diese kurze Sentenz im Tagebuch Kafkas:
»Es ist sehr gut denkbar, daß die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt, in der Tiefe, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Namen, dann kommt sie. Daß ist das Wesen der Zauberei, die nicht schafft, sondern ruft.«
Auch wenn hier mit dem »rufen« noch ein anderes Moment, vielleicht so etwas wie die Theurgie des Wortes oder der Sprache eine Rolle spielt – so scheint mir mit dieser Sequenz ein Bezug auf die Legende darin gegeben zu sein, daß der Eintritt in das »Gesetz«, eigentlich mit einem »Sprung« möglich sei. Ein Sprung als eine Verwandlung in einen anderen Zustand, in dem die »Herrlichkeit des Lebens« – in dem Licht das aus dem Inneren des Gesetzes dringt angedeutet, – als Grunderleben sich einstellt.
Aber mein Gott, wie schwer ist das; sich am eigenen Schopf zu diesem Sprung zu bewegen; und es ist eher wahrscheinlich, daß wir uns, wie der Mann vom Lande, ein Leben lang mit dem »Zählen der Flöhe« in dem Mantel des Türhüters befassen, als den Sprung leisten zu können.
Hier ist eine Verweis auf eine Schrift des Freundes Kafkas, Felix Weltsch – vielleicht hilfreich. In der philosophischen Schrift »Gnade und Freiheit«, die Kafka in den 20ger Jahren für seinen Freund redigiert hat, spricht Weltsch, ausgehend von Meister Eckhart vom »Laden«. Er beschreibt die Existenz als eine, sich eine Richtung gebende, in einer »Vertrauensentscheidung« auf die Verwandlung hinlebende, welcher dann das »Durchbrechen« – so der Begriff Eckharts – unvermittelt geschieht und geschenkt wird. In der Akkumulation mag sich etwas »verleiblichen«, was dann die Schwelle übeschreitet, wo sich ein anderer Zustand, vielleicht so etwas wie ein andauernder Zustand der »Seligkeit«, ein über eine schlaglichtartige unio mystica Hinausgehendes, Dauerndes einstellt.
»Dieser Eingang war nur für dich bestimmt« – Was gibt es Erschreckenderes als vor dem Ende das feststellen zu müssen und zu empfinden, was man eigentlich immer schon weiß: falsch gelebt zu haben.

 

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